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TiB-Geschichte

Sesshaft werden
Im Herbst 1995 waren wir orientierungslos und wollten uns auflösen. Im Winter fanden wir eine Tapezierwerkstatt am Lendplatz und unterschrieben den Mietvertrag. Im Februar errichteten wir Mauern und malten sie an, und am Abend des 6.März 1996 eröffneten wir unser Theater. Endlich ein eigenes Theater, das wir nach unseren Vorstellungen gestalten konnten. Ein Theater nach unserem Geschmack, ohne Drehbühne, ohne roten Samt, ohne Vorhang, ohne Logen. Dafür hatten wir drei Fenster und drei Heizkörper auf der
Bühne. Aus lauter Begeisterung über die uns immer zur Verfügung stehende Spielstätte, spielten wir um 16 Uhr, um 20 Uhr und um 22 Uhr.
Wenn wir genug vom Theaterspielen hatten, veranstalteten wir Wettbewerbe und Bälle, luden Leute ein. Wir waren jetzt Hauptmieter und plakatierten: NEUES EIGENHEIM
Aber das neue Eigenheim verlangte auch eine neue Organisiertheit, Felder wurden aufgeteilt. Zum ersten Mal ernannten wir einen Geschäftsführer und einen künstlerischen Leiter und entwarfen Jahrespläne. Vierfelderwirtschaft
wollten wir betreiben. Nicht immer am selben Platz dasselbe anpflanzen. Wir wollten Stücke spielen, Geschichten erzählen, Bücher vorlesen. Oder einfach nur tanzen.


Hamlet dreschen
Angefangen haben wir mit einem Moser-Sixpack. Je eine Woche Probenzeit, um aus einem Hans Moser-Film ein Stück zu machen und auf der sechs mal sieben Meter großen Bühne zu zeigen. Dann Bauer, Beckett, Schwab, Kroetz, Franzobel, Osbourne und Tschechow.
Manches wurde in Reinkultur geerntet, öfters aber wurden die Stücke genmanipuliert, was zu unkontrollierbaren Wucherungen führte.
War die Bühne zu klein und spielten wir über den Rand hinaus. Wie zum Beispiel bei Hamlet, der sein Zimmer im Publikumsraum bekam und auf das Geschehen auf der Bühne blickte, das großteils aber nicht immer an Shakespeares Vorlage erinnerte. Bei Horvaths Jüngstem Tag wanderten SchauspielerInnen und Publikum zwischen Eingangshalle und Bühne hin und her.
Es gab auch Autoren, die eigens für den Betrieb TiB schrieben, Uwe Lubrichs ?Orangenpflücker? und Gregor Stadlobers ?Wallisch Wandern? wurden am Lendplatz uraufgeführt.


Tanzen und Sterben
Wenn wir keine Lust auf herkömmliche Sorten hatten, züchteten wir selbst. Self-deviced plays ohne literarische Vorlage. Diese selfdeviced plays haben im Lauf der Jahre zugenommen, vielleicht weil sie es zulassen, schnell auf Situationen zu reagieren.
Dabei entstanden so unterschiedliche Produktionen wie ?Tanz deine Zeit- ein Tanztheater für Nichttänzer?, ? Im tiefen Österreich? nach einem Fotoband von Gerhard Roth oder ?Sorger- Leben und Sterben in Graz?, eine Sammlung von O-Tönen, gehört und aufgeschrieben in einem Grazer Kaffeehaus. Private oder gesellschaftspolitische Themen, die uns gerade interessierten oder wehtaten, wurden angestochen. So unterschiedlich diese Produktionen sind, sie alle greifen direkt auf Ereignisse zu, die heute in unserem Umfeld passieren. Wir nehmen sie auf und basteln aus einzelnen Körnern ein Ganzes.


Stadtausflüge
Auch wenn auf unserer Bühne vieles möglich war, für manche Geschichten braucht es einen anderen Boden und den suchten wir in der Stadt. Mit dem Bus, wie zum Beispiel bei der Nachtbusfahrt im Rahmen von "50 ways to leave your lover" oder zu Fuß haben wir immer wieder Graz als Hintergrund, aber auch als Thema für Erzählungen benutzt. In Gries suchten wir verzweifelt nach Bettina, die uns ihre Geschichte auf einer Audiokassette hinterlassen hatte, auf Blooms Spuren fanden wir Dublin im Bezirk Lend. In Puntigam zeigten wir unseren BesucherInnen das Geburtshaus von Wolf Haas Romanfigur Simon Brenner. Immer wieder führt der Zufall Regie im öffentlichen Raum, in dem die Vermischung von Inszenierung und Wirklichkeit passiert. So wurde Pu der Bär von der Polizei kontrolliert, als er auf den Bus wartete und Detektiv Brenner, als er mit dem Mofa Verbrecher jagte. Im steirischen herbst gab es "Nicht
einmal Hundescheiße" zu sehen und zwar aus den Fenstern eines Bürogebäudes mit Blick auf einen vergessenen Park.


von LKH und AMS
Das Format Serie war oft Transportmittel für unsere Erzählungen. Die Bühne wurde so Heimstätte vieler Menschen, die wir für unsere Serien erfanden und deren Schicksale das Publikum über Monate und manchmal Jahre verfolgen konnte. Erst gab es improvisierte Serien, wie "Reich und Arm", das die Geschichten zweier Grazer Familien aus 8010 und 8020 erzählte und die schwule Serie "Honigbrot". Dann entstand die erste geschriebene Serie LKH, die auszog und schließlich im Schauspielhaus, aber nie im ORF landete.
Das Format Serie lebt noch immer am Lendplatz. AMS wurde aus aktuellem Grund ins drei Jahre gespielt, mit "Midlife Promotions" unserer bislang letzte Serie über eine Grazer Eventagentur, verabschiedeten wir uns vom Lendplatz.