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Zwischen Knochen und Raketen

Ein Theaterstück von weltpolitischer Dimension


Reich gedeckt war der Gabentisch auch auf den herbst-Bühnen: Nature Theater of Oklahoma (Yeah!!!), andcompany&Co. (Arrrgh!) und Theater im Bahnhof (Hui!) folgten einander im beinharten Tagestakt...

(Falter 40/07)


Der Standard - 04.10.2007.Margarete Affenzeller

Verheiratet mit drei Viktors
Das Theater im Bahnhof lockt zu "Zwischen Knochen und Raketen" auf ein Kukuruz-Feld
Beim steirischen herbst ist das Theater im Bahnhof längst Fixstarter und lockt heuer auf ein Kukuruz-Stoppelfeld am Stadtrand. In "Zwischen Knochen und Raketen", einem "Theaterstück von weltpolitischer Dimension", geht es im Shuttlebus hinaus nach Graz-Reininghaus, wo die Quintessenz eines Kasachstan-Reisetagebuchs mit dem Pornoklassiker "The Opening of Misty Beethoven" kurzgeschlossen wird. Hierbei heißt es unter anderem für eine Pornodarstellerin, drei Ehemänner namens Viktor zu versorgen


Falter Steiermark - 03.10.2007.Hermann Götz

Männerhintern im Herbstlicht
.... Unterhaltung ist ein weites Feld. Wie die Liebe. Die ist auch ein weites Feld. Das ist angesichts der Bühne für "ZwischenKnochen und Raketen" des Theater im Bahnhof (TiB) unübersehbar. Ein Acker neben der alten Reininghausbrauerei ersetzt die Bretter, die die Welt bedeuten, mit etwas Glück blickt das Publikum in den Sonnenuntergang und in jedem Fall auf ein paar TiB-Darsteller, die sich in der Ferne playback zu ihren aufgezeichneten Stimmen bewegen. Nahe genug? Helmut Köpping und Team haben Veronika Kaup-Haslers Festival-Motto beim Wort genommen und ausprobiert, wieviel Distanz Theater verträgt. Und wie viel Nähe. Stichwort Sex, Porno, nackte Männerhintern im Herbstlicht. Mit dem Effekt, dass die fast unentwegt kopulierenden Pärchen für das Publikum weit weniger interessant sind, als für die Insassen der vorbeirollenden Autos. Die zahlenden Zuseher können sich inzwischen auf den Text konzentrieren. Das Stück folgt über weite Streckendem simplen dramaturgischen Kunstgriff, dass jedes Wort, jedes Hecheln Sex meint, solange kein Sex zu sehen ist. Wenn es aber zur Sache geht, kommen die Herren ins Fabulieren, sie breiten Erzählungen aus, Reiseberichte, Szenen, die urkomisch sind, beschaulich oder nebensächlich. Die Assoziationen, die das TiB durch den Text legt, umschlingen die Kulturen der postkommunistischen Länder, eine ferne Welt, die auch vom Pornobusiness in unsere Videotheken und Wohnzimmer getragen wird. Aber keine Angst: Das Stück ist nicht von Ulrich Seidls "Import Export" inspiriert, das TiB bleibt witzig. Und wie! Die Treffsicherheit und der Einfallsreichtum, mit dem die Pointen zwischen Text und Darstellung hin und her hüpfen,verblüffen immer wieder. Kompetente Verstärkung finden die TiB-Mimen Gabriela Hiti, Elisabeth Holzmeister und Rupert Lehofer bei Jacob Banigan und Pawel Permjakow (vom Art&ShockTheater aus Kasachstan).


Der Standard - 01.10.2007. Beate Frakele

Sex als globales Entwicklungsprojekt
Die Uraufführung von "Zwischen Knochen und Raketen" des Theaters im Bahnhof - Eine "edle Universum -Dokumentation", wie der Titel suggerieren mag, ist Zwischen Knochen und Raketen natürlich nicht, auch wenn ihm - unter anderem - das Kasachstan-Reisetagebuch eines Grazer Fotografen und "Archäozoologen" zugrunde gelegt ist. Der Beitrag des Theater im Bahnhof zum steirischen herbst lässt an Skurrilität nichts zu wünschen übrig. Auf einem abgemähten Kukuruzacker am Stadtrand von Graz blickt das Publikum von einem Podium aus westwärts in die untergehende Sonne, während vorbeikommende Auto- und Fahrradfahrer herauszufinden versuchen, was da gespielt wird: Boing Boing in der unübersichtlichen Wohnung einer Pornodarstellerin - drei Ehemänner sind zugleich angekommen und werden professionell bedient, eine Freundin hilft dabei.Textsequenzen aus Christoph Grills Reisenotizen und Zitate aus dem (an My Fair Lady angelehnten) Pornoklassiker The Opening of Misty Beethoven verbindet das Team (Dramaturgie:Pia Hierzegger und Rupert Lehofer) mit Ironie unter der Devise Entwicklungsprojekt. Dazu kommt der Sprachsound der Banalität, der allen TiB-Produktionen anhaftet - so rutschen die Schwindelerzeugenden Überlegungen zum globalen Geschäft mit dem Sex leichter.Dr. Seymour Love (Gabriela Hiti) ist als Pornodarstellerin so erfolgreich, dass sie sich als Wohnung die ganze ehemalige Sowjetunion leisten kann. Darin verlaufen sich nicht nur ihre drei Ehemänner, Viktor aus Österreich (Rupert Lehofer), Viktor aus Kanada (Jacob Banigan) und Viktor aus Kasachstan (Pawel Permjakow), sondern auch ihre intellektuelle Freundin Geraldine Rich (Elisabeth Holzmeister).Bis alle einander begegnen und die Männer sich in der Republik des gemeinsamen Trinkens verständigen, wird Beziehungslosigkeit als Normalität ignoriert und geschäftsmäßiger Sex verabreicht, blitzen in der Banal- und Pornosprache manche ziemlich wahren Sätze auf, wird die Identität der sowjetischen Nachfolgestaaten unter den uns geläufigen Stereotypen camoufliert und der Blick wieder weiter nach Osten gerichtet, das Land der Japaner mit der Seele suchend. Helmut Köpping führt Regie: Absurder Witz liegt im Spiel auf dem riesigen Acker. Die Sonnesinkt punktgenau, der dreisprachige Text kommt aus dem Lautsprecher, die fünf Akteure sind meist in der Ferne, laufen weite Strecken. Aber sie sind nah genug, um auf der Straße fürIrritation zu sorgen und so nach bewährter TiB-Manier das Umfeld als Mitspieler einzubeziehen.


Die Presse - 01.10.2007.Elisabeth Willgruber

Schräges Theater. Sas Theater im Bahnhof trieb es bunt. Wilde Kopulationsspiele
Szenenwechsel von der Indoor-Wiese ins gemähte Maisfeld auf den Reininghaus-Gründen, wo das Theater im Bahnhof bis 9. Oktober "Zwischen Knochen und Raketen" - "Ein Theaterstück vonweltpolitischer Dimension" - gibt. Wie bei ihrer "herbst"-Produktion 2005 kommt die Sprache aus dem Off, während die fünf Akteure unter der Regie von Helmut Köpping die Publikumsblicke auf sieben Hektar Land lenken und in die Wohnung einer Pornofilm-Diva (Gabriela Hiti), die eine Kollegin (Elisabeth Holzmeister) bewirtet. Der Gag zieht. Ebenso die nach postkommunistischenLändern benannten Gigazimmer und die drei während wilder Kopulationsspiele am Feld über Kasachstan und Aserbeidschan quasselnden Multi-Kulti-Liebhaber.Der Verkehr auf angrenzenden Straßen stoppte. Belustigend für die weit weg auf einer Feldtribüne sitzenden Zuschauer. Eine schräge Quatschgeschichte über intime Nähe und weite Reisen vom TiB, das weder sich noch den Rest der Welt tierisch ernst nimmt.


Kleine Zeitung - 01.10.2007.FRIDO HÜTTER

Dr. Borat in Wetzelsdorf "steirischer herbst"-Open Air mit dem Theater im Bahnhof: Sex im Gegenlicht und Erinnerungen an Wolfgang Bauer selig. Die Bühne misst etwa sieben Hektar und ist ein abgeerntetes Maisfeld in Graz-Wetzelsdorf. Der Blick gegen die untergehende Sonne soll die versteppten Weiten Kasachstans suggerieren. Abereigentlich ist es die weitläufige Wohnung der Porno-Queen Seymour mit Zimmernamen wie Aserbaidschan, Armenien, Berg-Karabach etc. Fünf Darsteller ohne nennenswerte Requisite sind in Aktion. Ihre Texte kommen voraufgezeichnet aus Lautsprechern, meist laufen sie weiträumig herum, dazwischen wird in allen Varianten kopuliert. - Eigentlich die klassischen Bestandteile für garantierte Langeweile.Aber wir haben es ja mit der Off-Legende Theater im Bahnhof zu tun; diesfalls verstärkt durch die kasachische Truppe "Art& Shock". Und so entwickeln sich die 70 Minuten zu einem veritablen Erlebnis, einem Anti-Event mit starken Anleihen beim absurden Theater in der Tradition des seligen Wolfgang Bauer. Textgrundlage sind Reisenotizen des Grazer Biologen und Kamerakünstlers Christoph Grill, dessen beeindruckende Bilder erst jüngst in der "Camera Austria" zu sehen waren. Weiters parodierte Fragmente des berühmten Pornos "Pure Lust"; dazu Witze und Bonmots, erdacht von den TiB-Leuten. Unterlegt mit den Reise(verweigerungs)theorien von Claude Lévi-Strauss. Regisseur Helmut Köppings Kalkül geht auf: Angestrengt linst das Publikum gegen die sinkende Sonne, wenn es auf dem Acker in der Ferne mundfertig und penetrativ zur Sache geht. Dass sich auf der gegenüberliegenden Brauhausstraße ein kleiner Autostau bildete, hing mitdem dortigen Rückenlicht und der somit besseren Sicht auf die (vermeintliche) Sex-Orgie zusammen und setzte der Regie noch ein extern generiertes Krönchen auf. Dann ging die Sonne hinter dem Plabutsch unter, der Blick klärte sich - doch das Stück war aus. Diese "herbst"-Produktion, eine Art Borat auf akademischem Niveau, spielt exzellent mit demFestival-Motiv Nähe/Distanz und wohl auch mit dem üblichen Todernst in der Kunst.


Kronen Zeitung - 01.10.2007

Eine Feldstudie für Kulturspanner: TiB ergründet beim "herbst" die Erotik des Kommunismus:Ein Maisfeld in Graz-Reininghaus bespielt das Theater im Bahnhof mit ihrer "herbst"-Produktion"Zwischen Knochen und Raketen". Die humoristische Auseinandersetzung mit Nähe in einer post-kommunistischen Welt zog bei der umjubelten Premiere nicht nur die Aufmerksamkeit des zahlenden Publikums auf sich."Nahe genug". Diesem vom "steirischen herbst" proklamierten Leitmotiv nähert sich das Grazer Theater im Bahnhof über das bewegte Privatleben von Dr. Seymour Love, meistverkaufte Erotikdarstellerin der Welt und heimliche Polygamistin. Sie bewohnt eine 70.000m2 Wohnung,die genauso viele Zimmer hat, wie die Sowjetunion Nachfolgestaaten, und in der sie ihre Gatten nicht nur begattet, sondern auch auf eine von Sehnsucht nach Bedeutung erfüllte Reise durch die post-kommunistische Einöde schickt. Basierend auf Texten und Photos von Christoph Grill haben Johanna Hierzegger und Rupert Lehofer ein Stück entwickelt, das Klischees aus dem Porno-Genre nutzt, um ein Bild einergegenwärtigen Welt zu zeichnen, die ohne den Kommunismus als Projektionsfläche für Gut und Böse auskommen muss. Die Figuren kommen sich zwar körperlich nahe, entwickeln aber keine Intimität, kein Gemeinschaftsgefühl. Der sexuelle Akt kulminiert in einem pseudophilosophischem Erguss, der keine Erkenntnisse bringt. Helmut Köpping inszeniert das Stück als cleveres Spiel mit Nähe und Distanz, lässt dieSchauspieler das ganze Maisfeld kreativ beackern. Die Dialoge kommen vom Band,sind getreu dem Porno-Genre aber nie wirklich synchron mit dem Spiel der Akteure.Ob seiner plakativen Sexualität sorgte die Premiere auch bei den Zaungästen für großes Interesse, ja sogar ein Streifenwagen hielt, um das "herbstliche" Treiben zu begutachten. Dadurch lieferte das TiB mit ihrem Stück nicht nur einen pornographischen Abgesang an den Kommunismus, sondern feierte auch die Wiedergeburt der menschlichen Spezies"Kulturspanner".