Sie befinden sich hier:PressePressearchivWOODS

WOODS

Der große Bruder und das Bier
Premiere mitten in Graz, im Wald: Das Theater im Bahnhof legt ab heute mit "Woods" zu einer kanadisch-steirischen Floßfahrt ab.

Vögel zwitschern, Insekten zirpen, Weinbergschnecken ziehen ihre Spur über Baumwurzeln: Für seine erste Regiearbeit für das Theater im Bahnhof (TiB) hat sich Ensemblemitglied Jacob Banigan ein idyllisches Fleckchen ausgesucht. In ein Waldstück, wenige Meter hinter der Grazer Gastwirtschaft "Das Lorenz", platziert er das Stück "Woods" sozusagen in die urbane Wildnis. Herzstück der Szenerie ist ein von Sträuchern und Bäumen umwucherter Teich und ein selbst gezimmertes Floß.

"Wir orientieren uns ein bisschen am Film ,African Queen'", erzählt Banigan, während er ein paar Zweige zur Seite zieht. 1951 schickte Regisseur John Huston Humphrey Bogart und Katherine Hepburn während des Ersten Weltkriegs auf eine dramatische Schiffsreise quer durch Deutsch-Ostafrika.
Beziehungsanalyse

Das wackelige Floß als Vehikel eines analogen, romantischen Überlebenstrainings - ein idealer Ausgangspunkt für eine ironische Zerlegung und persönliche Neuordnung in bewährter TiB-Manier. Die Zusammenarbeit mit den kanadischen Improvisationsabenteurern der Gruppe Crumbs verfolgt noch andere Ziele: Martina Zinner, Rupert Lehofer und Lee White von den Crumbs untersuchen - während der Floßfahrt - nicht nur Fragen der Isolation, der Zugehörigkeit, der Anziehungskraft der Natur, sondern auch, wie Kanada und Österreich durch ihre großen Brüder - die USA und Deutschland - beeinflusst werden. Ob und wie sich die Dominanz der Nachbarn in den Bewohnern zeigt, ob diese am nationalen Selbstbewusstsein nagt und "Was wir nicht sind".

Was am Ende dieser experimentellen Beziehungsanalyse im Wald stehen wird, war bei unserem Vorabbesuch noch nicht endgültig absehbar. Erzählte Episoden spielen auf jeden Fall eine tragende Rolle. Dazu könnte Banigan ein Banjo oder ein Akkordeon auspacken, und Bier wird vielleicht auch getrunken werden. Denn: In Kanada hat der stereotype Bierspot ?I Am Canadian' die Menschen erstmals seit Langem wieder heftig über Patriotismus und Nationalität diskutieren lassen. Auch so könnte man das von Eskapismus getragene Stück im Wald lesen: "Als Ergebnis dessen, was wir nicht sind."

Woods. Theater im Bahnhof. Regie: Jacob Banigan. Mit Rupert Lehofer, Lee White und Martina Zinner. Im Wald des Lokals "Das Lorenz", Heinrichstraße 145, Graz. Tipp: Gutes Schuhwerk, warme Kleidung.
JULIA SCHAFFERHOFER


?Woods?: Monty Python?s Flying Steirer-Schmäh am Grazer Rosenberg
Graz (APA)

Der Wettergott meinte es gut mit dem Theater im Bahnhof. Welche Hexe auch immer die Premiere der neuen Open-Air-Produktion der Grazer Off-Truppe mitten in einer hartnäckigen Schlechtwetterperiode und überdies zu Walpurgis ansetzen ließ - ihr Zauber reichte am Mittwoch nicht aus. Das drohende Gewitter nahm zwar mehrere Anläufe, letztlich schaute aber nicht mehr als leeres Gegrummel dabei heraus.

Und das war gut so. Das seit Wochen effektvoll unter dem Motto ?Bitte gutes Schuhwerk anziehen? beworbene Stück ?Woods. Romantic Survival Training? erwies sich als höchst amüsanter Ausflug in die Welt des gehobenen, bissigen Klamauks, irgendwo zwischen Monty Python und kern(öl)igem Steirer-Schmäh.

Die erste Regie-Arbeit des Austrokanadiers (nicht jeder Austrokanadier ist ein Eishockey-Crack!) und langjährigen TiB-Ensemblemitglieds Jacob Banigan folgt im wesentlichen der Handlung des Filmklassikers ?African Queen? mit Humphrey Bogart und Katherine Hepburn in den Hauptrollen. Dessen tropisches Setting wird hier kongenial an einen Teich in einem selbst unter alteingesessenen Grazern wenig bekannten Ex-Klostergarten am Fuß des Rosenbergs verlegt.

Getragen wird das Stück vom gut gelaunten Schauspieler-Trio Rupert Lehofer, Martina Zinner und Lee White, letzterer von der kanadischen Impro-Komikertruppe CRUMBS. Während Zinner sich als alternde Diva Hepburn in einer Art Rollen-Mesh-Up mit einer typischen Grazer Stadtneurotikerin unserer Tage ins Zeug schmeißt, liefern sich Lehofer und White ein geistreiches Klamauk-Duell als steirische und kanadische Archetypen.

Dabei kommen bissige Seitenhiebe auf blinden Steinzeit-Nationalismus in seinen jeweiligen kulturellen Ausprägungen nicht zu kurz. Wenn die Bogart-Figur Lehofers auf dem mobilen Bühnen-Floß stimmgewaltig ein stumpf-steirisch-gefärbtes ?I am from Austria? beherzt durch den Teichschlamm zieht oder Whites Allrounder-Rollenfigur anlässlich der aufschneiderischen Beschreibung kanadischer Wintertemperaturen einen hyperthermisch-hysterischen Anfall bekommt, sorgt so manches Zwerchfell dafür, dass die aufkommende Kühle des Abends sich nicht allzu sehr in den Publikumsgebeinen breitmacht.

Whites Spiel erinnert in Gestik sowie Sprachduktus einmal an Monty Python - vor allem an John Cleese und Terry Jones - und ein andermal gar an Peter Sellers? Doktor Seltsam. Letzteres dann, wenn White sein lupenreinstes Verarschungsdeutsch als Kapitän des deutschen Kanonenboots ?Königin Louise? in Hollywood-Manier zum Besten gibt.

Bleibt die Empfehlung, gutes Schuhwerk anzuziehen und sich dieses höchst unterhaltsame Stück Abendunterhaltung in einer vom Aussterben bedrohten Altgrazer Umgebung anzusehen. Wer weiß - vielleicht schicken die Stadtplaner und Immobilien-?Entwickler? schon morgen ihre Caterpillar los, um auch noch dieses Grün-Kleinod für eine weitere Luxuswohnsiedlung platt zu machen.


In scheinwilden Wäldern

"Woods": An der Nahtstelle von Natur und Kultur geht das TiB auf Selbsterkundung und rührt dabei in Seelen- wie in Tümpelschlamm.
Frühlingsidyll: ein stiller Tümpel unterm frisch geschlüpften Laub alter Bäume.

Der Abend beginnt mit dem Absingen des "Merry Minuet" (1958) des amerikanischen Ätzmeisters Sheldon Harnick. In aufgekratztem Tonfall wird darin von alteingesessenen nationalen Feindseligkeiten berichtet, und davon, dass man, so von Mensch zu Mensch gesagt, eigentlich eh niemanden richtig leiden kann.

Ein Abend, der so hübsch misanthropisch beginnt, kann eigentlich kaum schiefgehen, noch dazu, wo man gemütlich gemeinsam mit Gelsen und Zecken am Tümpelufer sitzt, während auf einem Floß im Wasser drei Schauspieler die Helden- und Liebesgeschichte von John Hustons "African Queen" nachspielen und währenddessen ihre Befindlichkeiten als Künstler/Staatsbürger/Menschen mittleren Alters erkunden: Wer ist man geworden? Ist die Karriere eh ok? Was ist das Besondere an kanadischem Bier? Ist "I Am From Austria" der einzig mögliche Ausdruck von österreichischem Nationalstolz? Und sollte man als kanadischer Schauspieler nicht wenigstens einmal in einem dieser sonderbaren europäischen Theaterstücke mitwirken?

Lee White vom Improvisationstheater CRUMBS aus Winnipeg hat die richtige Entscheidung getroffen und spielt nun "alle anderen" - neben Martina Zinner als Katherine Hepburn, Rupert Lehofer als Humphrey Bogart, einem windschiefen Floß als "African Queen" und dem Tümpel als Fluss Kilombero. Das sensationell schöne, scheinwilde Stück Natur hinter dem Restaurant "Das Lorenz" (in Wahrheit eine durchkomponierte Parklandschaft) ist der ideale Schauplatz für diese Standortbestimmung, die in Jacob Banigans Regie gekonnt Reflexion und Nabelschau, Drama und Slapstick verbindet. Das Verspleißen von Text und Improvisation, von Rolle und Autobiografie ist eines der Markenzeichen des Theaters im Bahnhof. Hier machen am Ende sogar Natur und Kultur mit: Mitten im Stück landet eine Ente auf dem Tümpel, während im Gehölz dahinter mit Lockpfeifen Vogelgesang vorgetäuscht wird.

UTE BAUMHACKL