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Urlaub von den Problemen
Jugendliche, die nicht bei ihren Familien wohnen, drehten mit dem Theater im Bahnhof einen Spielfilm ? ohne Drehbuch
Die Kamera lief ab der ersten Probe, Drehbuch gab es keines.
Diesen Donnerstag hat ?Das Wochenende? Premiere: Der Spielfilm ist eine Zusammenarbeit von Regisseur Helmut Köpping (Theater im Bahnhof) und Jugendlichen, die schon in sehr jungen Jahren im Alltag improvisieren mussten. Die jungen Menschen wohnen nicht bei ihren Familien, sondern werden vom AIS Jugendservice betreut. ?Sie werden vorwiegend über ihre Probleme gelesen, darüber wird mit ihnen kommuniziert. Insofern ist der Film ein Urlaub vom Problem?, sagt Helmut Köpping. Er rückte also nicht die persönlichen Geschichten der Jugendlichen in den Mittelpunkt, sondern nahm sie als Akteure wahr. Casting gab es keines. Wer Lust hatte, konnte dabei sein. Lisa, Engelbert und zwölf weitere Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren wollten mitspielen. Fragt man Lisa und Engelbert, warum sie nicht mehr bei ihren Eltern leben, hört man Dinge, die der Erzieher Markus St. als ?psychische Folter? einstuft. ?Es gibt Episoden in meinem Leben, an die kann ich mich nicht erinnern. Da ist eine Blockade, aus Selbstschutz?, sagt die 21-jährige Lisa S.. Ein Nachbar meldete ihre Familie beim Jugendamt, das so auf das Kind aufmerksam wurde. ?Ich wollte eigentlich schon mit zehn von zu Hause abhauen, wusste aber nicht wohin.? Sind die Jugendlichen einmal in Betreuung, richtet sich die Entscheidung über die Wohnsituation nach Wunsch und Möglichkeit. Lisa übersiedelte mit 16 Jahren in eine betreute WG. Damals ging sie noch in die Schule, wie Engelbert N. heute. Einen Tag bekam er schulfrei, um von seiner Familie in die betreute Wohnung zu ziehen. ?Mein Auszug war für alle eine ziemliche Überraschung?, sagt der 17-Jährige, der nun allein wohnt. ?Ich hatte durch die Situation zu Hause psychogene Krampfanfälle. Das ist wie ein epileptischer Anfall, nur die Ursachen sind psychisch?, sagt Engelbert. Eine Psychologin der Kinderklinik schickte ihn zum Jugendamt, die Beamtin dort schlug die Möglichkeit des Auszugs vor. ?Ich bin sehr unterdrückt worden und habe stets nach dem Willen meiner Mutter agiert. Meine Mama war total gegen den Auszug, also habe ich gesagt, ich bleibe daheim?, erinnert er sich. Nach weiteren Anfällen wendet er sich an die Betreuerin beim Jugendamt und organisiert ohne Wissen seiner Mutter den Auszug. Beamte informierten sie: ?Der Engelbert kommt nicht mehr nach Hause.? Mit seiner Mutter sei der Kontakt noch immer schwierig, mehr Nähe hat der Musikgymnasiast zu seiner Oma. ?Ich kenne die Situation gut?, sagt Lisa. ?Dass man dem Wunsch der Eltern nachkommt und einem dabei etwas genommen wird. Man kann nicht wirklich Kind sein.? Reflektiert erzählen die beiden über ihre Vergangenheit. Engelbert hat noch eine Schwester. ?Ich bin das ?Überbleibsel? von meinem verstorbenen Vater, dem ich ähnle. Dadurch habe ich immer ein Problem für meine Mama dargestellt. Irgendwann habe ich die Rolle als Stütze für die Mama übernommen. Das war einer der Gründe, warum ich zusammengebrochen bin?, sagt Engelbert. Der Großteil der Eltern tritt die Obsorge für die Jugendlichen freiwillig ab. Ist dem nicht so, nimmt ihnen das Gericht diese ab. Meist verbessert sich durch den Auszug der Kontakt zum Elternhaus. Erzieher Markus St. kann sich nur an einen Fall erinnern, wo die Adresse des Kindes geheim gehalten werden musste, da es missbraucht worden war und Gefahr bestand. Im Normalfall müssten Kinder, so St., nicht vor den Eltern geschützt werden. ?Man schützt die Kinder, indem man sie aus dem Familiensystem herausnimmt und den Eltern die Erziehungsverantwortung abnimmt. Ich denke, dass die Eltern die Verantwortung teilweise gar nicht so ungern abgeben.? Der Anteil der Kindesabnahmen ist in den sogenannten bildungsfernen Schichten höher als in anderen. Dort wird eher mit körperlicher Gewalt agiert, je gebildeter die Menschen, umso mehr werde die Gewalt psychisch. Und für einen Sozialarbeiter sei es einfacher, auf eine verdreckte Wohnung zu schauen, als eine jahrelange psychische Folter zu erkennen, sagt St.. Das AIS Jugendservice hat derzeit 126 Klienten ? Familien und Einzelpersonen ? in Betreuung. 59 davon stationär, also in der mobilen Wohnbetreuung. Lisa ist vor kurzem aus der betreuten Wohnung ausgezogen, die Studentin der Germanistik hält aber noch Kontakt zu ihrer Betreuerin. Einem sozialpädagogischen Auftrag wollte das Theater im Bahnhof (TiB) nicht nachkommen. ?Wir haben keine Ausbildung in diese Richtung und wollen das auch gar nicht. Es ging um die künstlerische Begegnung?, sagt Köpping. ?Es war eine große Lust und Freude, zu merken, dass die Jugendlichen künstlerisch Verantwortung übernommen haben, pünktlich beim Dreh waren und die Ausdauer hatten, Szenen zu wiederholen.? Gemeinsam mit Kollegen des TiB bemühte er sich um ein professionelles Umfeld mit Kamera- und Tonmann. So geriet ?Das Wochenende? zu einem unterhaltsamen Episodenfilm, der sich aus der Erfahrungswelt der Jugendlichen speist. Nicht zuletzt hatte der bekannte Wiener Hip-Hop-Musiker Skero einen Gastauftritt. Und für Lisa und Engelbert hat die Schauspielarbeit schon ihre Fortsetzung gefunden ? sie spielen derzeit in einem Werbefilm mit. 


Premiere für Episodendoku mit Grazer Jugendlichen
Seine zweite Filmregiearbeit präsentiert Helmut Köpping vom "Theater im Bahnhof" (TiB) am 3. Juli im Grazer Annenhofkino. Die Episodendoku "Das Wochenende" haben er und das TiB-Ensemble mit betreuten Jugendlichen erarbeitet.Ein soziales Thema hat sich "Theater im Bahnhof "(TiB) -Veteran Helmut Köpping für seine zweite Regiearbeit als Filmregisseur ausgesucht.
Seine 90-minütige, gemeinsam mit betreuten Jugendlichen und dem TiB-Ensemble erarbeitete Episodendoku "Das Wochenende" wird am Donnerstag (3. Juli) in Graz öffentlich präsentiert.

Im Film erzählen Grazer Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren, die laut Köpping "schon ärgere Geschichten" durchgemacht haben, aus dem Leben gegriffene Episoden. Sie haben sie gemeinsam mit TiB-Schauspielern wie Michael Ostrowski oder Pia Hierzegger in Gruppenworkshops im Herbst vergangenen Jahres erarbeitet. Thematische Vorgabe war, dass sich die jeweilige Geschichte zeitlich gesehen an einem Wochenende abspielt.
"Heilkraft des Schauspiels"
Wichtig in der Arbeit mit den Jugendlichen sei ihm gewesen, dass sie "ernst genommen werden und die Möglichkeit erhalten, mit Profis filmische Arbeit zu leisten". Ihm sei es am Herzen gelegen, die Jugendlichen nicht als "Problemkids" hinzustellen, sondern auf die "Heilkraft des Schauspiels" zu setzen.
Köpping war zunächst überrascht, wie leicht die Arbeit mit seinen jungen Kreativpartnern vonstatten ging. "Sie haben in ihrem Leben gelernt zu improvisieren und sich rasch auf neue Situationen einzustellen", erklärt er sich heute dieses Phänomen: "Geschichten erfinden, etwas vorspielen - das haben sie einfach intus". Köpping ließ die einzelnen Storys bereits im Entwicklungsstadium von Kameramann Robert Oberrainer mitfilmen. Das "Making-Of", dokumentierten die Jugendlichen in Eigenregie. Drehbuch im eigentlichen Sinn gab es keines.
Spiel mit der Authentizität
Das Spiel mit der Authentizität der Laienschauspieler hat Köpping mit international bekannten Regisseuren wie Ulrich Seidl gemeinsam. Ähnlichkeiten mit dessen Arbeitsweise räumt Köpping durchaus ein. Dessen Suche nach einer "österreichischen Identität und die Abnormität, die dabei anzutreffen ist" verstehe er gut: "Hundstage" sei ein großartiger Film, sagt Köpping. Er würde die Jugendlichen, mit denen er arbeitet, allerdings nicht so exponieren, wie Seidl das mit seinen Akteuren gemacht habe. "Ich sehe mich eher als Verführer, ich will niemanden zu etwas drängen".
Künftig möchte Köpping, der bereits einen Spielfilm ("Kotsch", 2006) und die TV-Produktion "The Making of Futbol" (2008) realisiert hat sowie im Glawogger-Streifen "Vaterspiel" die Hauptrolle spielte, eine "Bastardrolle zwischen Theater und Film" spielen. Nicht ganz unerwartetes Vorbild dabei: Monty Python. Deren typische teamorientierte Arbeitsweise, die wechselnde Regie, die Lust am Absurden und die Nähe zum Volksschauspiel seien auch seine Leitbilder, so Köpping. "Die (Monty Python, Anm.) kamen auch aus dem Studententheater", zieht er einen vielleicht gar nicht so gewagten Vergleich zwischen dem TiB und der legendären britischen Komikertruppe. (Andreas Stangl, APA)