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WARMANZIEHEN - Presse

"Warmanziehen" heißt das jüngste Projekt des Grazer Theaters im Bahnhof:


 

Eine halbe Nacht im Theaterbahnhof
Das TiB lädt ein, sich einen langen Abend an Suppe und Wodka zu wärmen. Und an der TiB-Kunst, die keineswegs lang-, sondern kurzweilig ist. Die fünf Stunden zwischen Probenräumen, Lager, Büros und Bar zerinnen wie 50 Minuten der Konkurrenz. "Warmanziehen" präsentiert sich als Motto so offen, dass selbst der steirische Herbst seine Freude hätte, da hat alles Platz: So bekommt die letzte Herbst-Produktion "Tod eines Bankomatkartenbesitzers" mit Johannes Schrettles fein gestricktem Fragment "Es wird Blut fließen" eine thematische Fortsetzung. Rupert Lehofer und Gabriele Hiti breiten in der öffentlichen Tanzübungszweiviertelstunde "Oberschenkelhalsbruch" die Tragikkomik des Tangopaartanzes vor dem Publikum aus. Pia Hierzegger lädt als kühle Moderatorin mit wärmenden Untertönen einen Gast zum Interview, Juliette Eröd bietet eine Entspannungssitzung an, Lorenz Kabas erläutert glaubhaft, was ihn alles nicht mit Buster Keaton verbindet und Gastkünstler Viktor Kröll lichtet Theaterbesucher als Heilige ab - nicht ohne sie zuvor einem todernsten Tauglichkeitsverhör zu unterziehen. Rundherum gibt´s Videos, Lagerfeuer und Lagerfeuerlieder, Liebesgeständnisse im Bügelzimmer und ein paar Seiten Dr. Schiwago. Kann sein, dass der Versuch, auf Basis einer Kinderphysikfibel eine "Art Oratorium" zu veranstalten, stellenweise danach verlangt, zum Begriff Trash-Theater auch die Übersetzung zu liefern, dafür schlägt die einsame Klasse, mit der Monika Klengel frei nach Erwin Wurm in einem Pullover verschwindet, alles. Die TiB-Kunst nimmt Besitz von Raum und Zeit, schweißt Publikum und Künstler in einem intimen Erlebnis zusammen. Hier, in diesem Format, ist das Theater im Bahnhof ganz zu Hause. Das Publikum fühlt sich eine halbe Nacht ebenso. (Hermann Götz, Falter 50/10)


 

Von rauer Wolle bis zu Kaschmir
"Warmanziehen" empfiehlt das TiB: Die Politik spart, das Theater greift in die Vollen.

GRAZ. Mag sich die Produktion des Theaters im Bahnhof (TiB) nach außen hin auf das frostige politische Klima und den Sparkurs beziehen, war der Auslöser doch eine interne Krise. Sie entstand im Mai nach dem Brüsseler Kunsten-Festival, wo den sonst erfolgsverwöhnten Theatermachern der Premierenauftritt verweigert wurde. Konsequenz: Verschwendung statt Rückzug. Die Krise wurde genutzt, um interne Strukturen und Gewohnheiten zu überdenken. Jedes Ensemblemitglied horchte in sich hinein, was es denn gerne einmal auf die Beine stellen würde. Ob alleine, mit Kollegen oder Gästen.Ergebnis: 17 Projekte, zwischen 19 und ein Uhr - für manche muss man sich an der Rezeption einen Termin ausmachen, viele haben eine Beginnzeit wie klassisches Theater, einige laufen die sechs Stunden durch. Allein das Solo von Monika Klengel ("Verschwinden"), eine zum Weinen schöne Reflexion über das Älterwerden als Künstlerin, ist den Besuch wert. Eine Rückzugsperformance, bei der man dennoch sehr tief blicken darf. Ein unvollständiger Überblick (nicht alles ist Kaschmir): Johannes Schrettles Entwurf "Es wird Blut fließen", zu dem die Besucher beitragen, geht als Bankberater-Groteske spielerisch mit blindem Vertrauen und (Regie-)Anweisungen um. Originell der Trailer von Johanna Hierzegger zu einer nie gedrehten Tragikomödie - dennoch scheinen wir alles über sie zu wissen. Lorenz Kabas mag die schmalste Jukebox der Welt sein, ist aber mit 128 Liedern zum Anwärmen bestückt. Pia Hierzegger entpuppt sich wiederum als künftige ORF-Waffe. So scharf und zugleich wundersam wie sie führt keine Interviews, während Martina Zinner im Bügelzimmer die Zuschauer in eine Nachkriegszeitstimmung versetzt. Verzaubernd auf andere Art ist "Selfmade Saints - Jeder kann für 15 Minuten ein Heiliger sein", wo man eine bildliche Erinnerung mitbekommt. Und bei der Lesung von "Dr. Shiwago" sind wir dann alle ein Bild. Nicht versäumen!  (Christian Ude, Kleine Zeitung)



Die Kälte, die man spüren kann IIn einer Langen Nacht der Abwehrsteigerung stellt das Theater im Bahnhof in der Adventzeit Möglichkeiten des "Warm-Anziehens" vor
Graz - Was tun in einer sozial abgekühlten Welt, in der der Staat in erster Linie Banken stützt und daraufhin ein neues, zweifellos notwendiges Sparprogramm initiiert? Man kann sich - zumindest am Theater - einmal einen warmen Pullover überziehen, einen Wodka trinken oder sich gleich auf den Mond schießen lassen. Für Letzteres betritt man über eine Rampe den Ziegelschacht eines Industrieofens im Hinterhof des Grazer Theater im Bahnhof und sieht einen Trailer zu einem nie gedrehten Film, in dem Vorbereitungen zu einer Mondreise getroffen werden. Was sagt uns das? Dieser Trailer, Lunochod 4, ersetzt aus Spargründen unerfreulicherweise das eigentliche Produkt, das man gerne sehen würde. Andererseits rückt er die völlig überzogene, aber umso massivere Vorstellung einer Ausflucht ins Zentrum. Warmanziehen, so der Titel dieser aus insgesamt siebzehn Spielstationen gebündelten Ensembleproduktion des Theaters im Bahnhof (TiB), ist eine Lange Nacht zur Abwehrsteigerung, die sechsmal während der gesamten Adventzeit zu sehen ist. Die Gruppe lockert dabei die Genregrenzen, sprich: hat (Künstler-)Freunde eingeladen, die aus unterschiedlichen Sparten Arbeiten zum Thema beisteuern. Ein Zeitplan hilft bei der Orientierung durch den sechsstündigen Abend. Wie sehr kann der einzelne Bürger seine wunden Stellen vor Staat und Gesellschaft überhaupt schützen, wie verbirgt man Angriffsflächen? Indem man zusammenhält. Und das TiB positioniert Formen der Solidarität, z. B. mit einem partizipativen Hörbuch von Erich Maria Remarques Roman Drei Kameraden, welches Grazer und Grazerinnen im gemeinsamen Lesen erstellen. Der Roman handelt von einer nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Generation und deren dem Überleben geschuldeter Zusammenhalt. Das Hörbuch liegt beim TV-Kaminfeuer in der Bar auf. Das Empfinden von warmer und kalter Temperatur gilt hier in sämtlichen für das Spiel geöffneten Funktionsräumen des Theaters als Parameter für soziale Behaglichkeit oder Kälte. Das Publikum erfährt am eigenen Leib, wie eisig den Hauptfiguren in Doktor Schiwago der Bürgerkrieg (und der viele Schnee) um die Ohren braust, indem es im unbeheizten Lager unter Wolldecken schlüpft und zum gemeinsamen Vorlesen zusammenkommt. Märchen im Stehkino Weitere Projekte: Um das Märchen von der Kälte adäquat erzählen zu können, wird das Format des Stehkinos genützt, das hinter einem Plastikvorhang im Hof auf seine jeweils drei Besucher wartet: Im dreiminütigen Animationsfilm von Heike Barnard, Johanna Moder und Karin Hammer zieht eine Prinzessin aus wackeligen Bleistiftstrichen aus, um einen Prinzen aus dem Ofen zu befreien. Eine anstrengende und bravouröse Tat, deren Erfolg aufmuntert. Lieder zum Anwärmen singt der lebende Wurlitzer (Lorenz Kabas) für zehn Cent: Hier springt der Mensch ein, wenn die Maschine (der CD-Player) eine Pause benötigt. 128 Titel sind verfügbar. Mit welcher Wärme einem fondsgebundene Ansparmöglichkeiten ans Herz gelegt werden, das führt Johannes Schrettle in seiner Bankberater-Groteske Es wird Blut fließen aus. Die Uraufführung spürt vielfältig Luhmanns Diktum des Vertrauens nach (Vertrauen ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität). Das schönste Bild des Abends erzeugt Monika Klengel in ihrer Pullover-Performance Verschwinden: Eine Frau, die in ihrem Rolli gänzlich verschwindet, weil sie sich vor der doppeldeutigen Kälte in sich zurückzieht und dort, im Hohlraum zwischen Oberkörper und angezogenen Knien, mit Piccoloflasche und Musik aus dem Smartphone allein Party feiert. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 29.11.2010)


"Warm anziehen" im Grazer TiB: Lange Aufführung für kalte Nächte Strategien zur Abwehrsteigerung, verteilt auf verschiedene Schauplätze - Zwangloser Abend mit Theater, Suppe und Wodka (Von Karin Zehetleitner/APA)
Graz 
- Das Grazer Theater im Bahnhof setzt sich in seiner neuesten Produktion mit den unterschiedlichsten Formen von Kälte auseinander. Rund sechs Stunden lang wurden am Freitagabend bei "Warm anziehen. Lange Nächte zur Abwehrsteigerung" in Theaterstücken, Szenen, Filmsequenzen, Liedern und Fotos verschiedenste Aspekte des Themas beleuchtet. Konsequent fortgesetzt wurde der in gewohnter Qualität umgesetzte Abend auch bei der Verköstigung der Zuschauer: Bohnensuppe und Wodka wärmten von innen.Gezeigt wurden immerhin 17 Produktionen, von denen die kürzeste nur fünf Sekunden dauerte, dabei aber beliebig oft abgerufen werden konnte. "5 Second Story. Call Me Anytime" ist eine Art Installation, bei der der Besucher ein Telefon ergreift, dessen Schnur sich dann wieder automatisch selbst einzieht. Und schon sind die fünf Sekunden wieder vorbei und ein Programmpunkt erledigt. Wesentlich länger, nämlich eine Stunde, dauert Johannes Schrettles Stück "Es wird Blut fließen", in dem es vordergründig um eine Bankberaterin und ihre Kundinnen geht, nebenbei aber ganz locker rund um die Bankenkrise jede Menge menschliche Krisen aufzeigt. Eva Hofer, Monika Klengel und Elisabeth Holzmeister brachten den Text pointiert zur Aufführung. "Das Märchen von der Kälte" nennt sich ein Film im "Stehkino" im Hof, bei dem in einer winzigen Kabine mit Plastikvorhang höchstens zwei Personen stehend den Film verfolgen können. Ein weiterer Streifen, nämlich "Lunochod 4", wurde in einem Fabrikskamin gezeigt, in dem kaum mehr Besucher Platz fanden. Dabei handelt es sich um "einen Trailer zu einem nicht gedrehten Film", so die Beschreibung.Für "Sitzen" musste ein Termin vereinbart werden, denn an diesem Projekt konnten immer nur zwei Personen gleichzeitig teilnehmen. Diese durften dann neben einem Kaffeeautomaten Platz nehmen und wurden von den Zuschauern dabei beobachtet, wie sie mit verbundenen Augen Juliette Eröd lauschten, die über Kopfhörer sanft-ironische Anweisungen zur Entspannung gab. Ein Film über das sich Verlieren in den eigenen Gedanken war "Mann", der im Fundus auf engem Raum gezeigt wurde. Daneben gab es immer wieder "Lieder zum Aufwärmen" von Lorenz Kabas in der Bar und gelesene Ausschnitte aus "Dr. Schiwago" sowie verschiedene andere Programmpunkte, die parallel gezeigt wurden. Nicht alles war wirklich überzeugend, aber insgesamt konnte sich jeder Besucher einen anregenden Abend nach eigenem Geschmack zusammenstellen


Das Theater im Bahnhof bietet mit "Warmanziehen" einen prallgefüllten Abend
Die Antwort auf Sparprogramme
Theater in all seinen vielen Facetten (mit unglaublichen 17 Einzelproduktionen) zeigt das TiB bei einem sechstündigen Marathon in seinen Räumen in der Grazer Elisabethinergasse 27a. Und die Zeit vergeht dabei wie im Flug...
(Kronen Zeitung - Michaela Reichart)
Wie breit das Spektrum des Theater im Bahnhof nicht nur als Kollektiv, sondern vor allem als Summe seiner einzelnen Mitglieder ist, beweist der Abend, den die Akteure unter das Motto "Warmanziehen" gestellt haben. Von installativen "5 Second Storys" über einen Animationsfilm bis hin zum ausgewachsenen Theaterstück reicht das Angebot, das einen auf die Reise durch soziale Kälte und wärmende Momente nimmt.
Vorgabe für alle Beteiligte war das Motto "Warmanziehen", jedem blieb überlassen, wie er das auslegen wollte. Monika Klengel ging in ihrem fulminanten Solo "Verschwinden", bei dem sie ebensolches in einem Pullover praktizierte, der Frage nach, was mit der Präsenz älterer Frauen im Kulturleben passiert.
Mit finanziellen Unsicherheiten und damit verbundenen Befindlichkeiten spielt Johannes Schrettle in seinem Stück "Es wird Blut fließen", das von Schrettle, Klengel, Elisabeth Holzmeister und Eva Hofer sehr vielschichtig und reich an Brüchen in Szene gesetzt wurde. Den Strom erkunden Seppo Gründler, Rupert Lehofer und Ed. Hauswirth in einem aufgeladenen Oratorium. Und jede Menge Wärme verbreiten Martina Zinner und Vinzenz Wizlsperger mit "im bügelzimmer brennt noch licht - die kosnequenz heißt liebe!".
Filmvergnügen in eisiger Kälte - Im Freien kann man sich den Trailer "Lunochod 4", eine filmische Gemeinschaftsarbeit, sowie den aufwendigen Animationsfilm "Das Märchen von der Kälte" anschauen. Im Fundus wartet noch "Mann", ein Film-Beitrag über verlorene Zusammenhänge.
In der kuscheligen Bar gibt es nicht nur künstliches Kaminfeuer und ein Süppchen, sondern auch "Lieder zum Anwärmen" von Lorenz Kabas, der zudem sein Nahverhältnis zu Buster Keaton zur Diskussion stellt. "Drei Kameraden", dem literarischen Beitrag von Pia Hierzegger, kann man sich dort ebenfalls widmen. Sie ist es auch, die den jeweiligen Gast (diesmal: Judith Schwentner) einem harten Interview unterzieht. Wie viel Wärme ein Tango zu bieten hat, zeigen Gabriela Hiti und Rupert Lehofer; Juliette Eröd lädt zu Einzelsitzungen, und ganz nebenbei kann man sich heilig sprechen lassen, um dann in seliger Stimmung "Dr. Schiwago" zu lauschen. Viel künstlerische Verschwendungsfreude in Zeiten des allgemeinen Sparens.