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UNTERNEHMEN LEAR

Fotos: Johannes Gellner

 


APA Graz, Fr. 29. Mai 2009 / Karin Zehetleitner
Teater/Steiermark/Premiere/Kritik  

Kurz und kurzweilig: "Unternehmen Lear" im Theater im Bahnhof 
Utl.: Lorenz Kabas beleuchtet das Verhältnis von Lear und seinen Töchtern neu

Das Grazer Theater im Bahnhof nahm sich für seine jüngste Premiere gestern, Donnerstag, Abend Shakespeares "König Lear" vor. Das Augenmerk wurde in dieser Bearbeitung ausschließlich auf die Beziehung zwischen Lear und seinen drei Töchtern gelegt. Dabei wurde das Gewicht zugunsten der beiden älteren Töchter verschoben und damit ein neuer Blick auf eine alte Geschichte geworfen. Der Abend, den Lorenz Kabas gekonnt in Szene setzte, wurde durch die Musik von Jacob Banigan stimmungsvoll vorangetrieben.    
Im Grazer Schauspielhaus brauchte man rund vier Stunden, das Theater im Bahnhof benötigt gerade einmal etwas über eine Stunde, um seine "Lear"-Variante auf die Bühne zu bringen. Dabei wurde die Handlung auf Lear, seine drei Töchter und einen multifunktionalen Narr, Musiker und Erzähler beschränkt. Was herauskam, war ein interessanter Blick auf die beiden "bösen" Töchter Goneril und Regan, die dann so böse gar nicht waren. Die Handlung wurde vom Königshof in ein Hotel verlegt, das der Vater mitten in der Saison an seine Töchter übergibt, um sie von da weg nur noch mit seinen ständigen Einmischungen zu nerven.     
Er möchte von den Kindern Zuneigung und Aufmerksamkeit, doch die jungen Frauen sind vom stressigen Alltag stark gefordert und empfinden den Vater, mit dessen Älterwerden sie zunehmend Probleme haben, immer mehr als Last. Bei den Streitereien brechen alte Wunden auf, die Kindheit wird immer wieder ins Spiel gebracht, die angebliche ständige Bevorzugung der jüngsten Schwester Cordelia ist ebenfalls Dauerthema.     
Dabei verschieben sich die bekannten Sichtweisen, Cordelia ist nicht länger die liebevolle Tochter, sondern eher ein selbstgefälliges Mädchen, dass sich aus allem heraushält - auch aus der Arbeit im Hotel. Die beiden Älteren scheitern an der Arbeit, an den Streitereien und am zänkischen Vater, nur der Erzähler/Narr bliebt übrig, um das Ende zu kommentieren.      Die Aufführung bot einen kurzweiliger Blick auf einen Aspekt des Dramas, bei dem Witz und Leichtigkeit dominierten. Kurt Garzaner überzeugte als grantelnder Alter mit Boshaftigkeit und einer gewissen Schläue, Juliette Eröd (Cordelia), Elisabeth Holzmeister (Goneril) und Martina Zinner (Regan) setzten als Töchter gekonnt sehr unterschiedliche Akzente. Jacob Banigan (Erzähler, Narr, Musik) kommentierte das Spiel auch musikalisch von außen.


29.05.2009 / Kleine Zeitung, ELISABETH WILLGRUBER-SPITZTiB-Haubenkönig setzt "Lear" die Krone auf

Es ist ebenso witzig wie genial, Shakespeares klassische Hofübergabe aus seinem "König Lear" auf einen Familienbetrieb zu übertragen. Der Untergang kann da wie dort vorgezeichnet sein.In der grandiosen Theater im Bahnhof-Produktion "Unternehmen Lear" im TTZ starten die neuen Hoteliers Elisabeth Holzmeister und Martina Zinner (alias Goneril und Regan) auf Umstrukturierung durch und treiben den Alt-Haubenkönig "Lear" (Kurt Garzaner) in den Wahnsinn. Der hat nicht nur das ungeniert ehrliche Nesthäkchen "Cordelia" Juliette Eröd verstoßen; er lässt auch bei seinen Nachfolgerinnen keinen Mobbing-Versuch aus.Generationenkonflikte und Konkurrenz. Mit psychologisch-analytischem Geschick schält Regisseur Lorenz Kabas Generationenkonflikte und Konkurrenz heraus, ohne mit Country-Bänkel-Sänger Jacob Banigan den Faden zum Original abzureißen. Das Feine: Man lacht über die Beteiligten und bringt dennoch für alle Verständnis auf. Ein absolutes Top-Team in einer unbedingt sehenswerten Produktion!


(frak, DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2009)
Grazer Liebeswahn eines Hotel-Potentaten
Mit "Unternehmen Lear" reduziert das Grazer Theater im Bahnhof ein gewaltiges Drama auf dessen minimalen, existenziellen Kern

Mit der Betreuung eines bejahrten Vaters und Firmenchefs durch seine Töchter bringt das Grazer Theater im Bahnhof das Stück "Unternehmen Lear" auf einen aktuellen gesellschaftlichen Punkt. Der greise Besitzer des Hotels "Zur Krone" (großartig: Kurt Garzaner) übergibt den Betrieb an seine beiden ältesten Töchter, während die Jüngste, sein Liebling, in ihrer Ehrlichkeit keine schmeichelnden Worte findet und leer ausgeht. Auf der sparsamst möblierten Bühne kreist bald alles um die Starrköpfigkeit des alten Patriarchen, der mitreden und seine Erfahrungen geschätzt wissen will - und um den Tauschwert der Liebe im Abhängigkeitssystem Familie.

Das Reich des Vaters, ein kleines Hotel, ist die Ware in diesem emotionalen Tauschgeschäft, das schon immer auf Berechnung und Nachgeben aufgebaut war. Im alltäglichen Belastungskampf Besitz gegen Fürsorge entdecken die Schwestern erstarrte Eifersucht und alte Kränkungen wieder. Einzig Cordelia, die so stur wie der Vater ihre Unabhängigkeit gehütet und sich dem Handel verweigert hat, ist in der Lage, das unberechenbar gewordene "alte Kind" zu versorgen. Aus dem reich verzweigten Handlungsgestrüpp des Shakespeare-Originals übernimmt die gut einstündige Theater-im-Bahnhof-Produktion nur einige Monologe. Regisseur Lorenz Kabas mischt sie mit neuen (Alltags-)Texten, vielen atmosphärischen Details (für die Musik verantwortlich: Jakob Banigan), leiser Komik und einem Hauch Unvorhersehbarem zu einer zutiefst unprätentiösen Aktualisierung, auf die ohne weiteres das Wort "wahrhaftig" zutrifft.


Falter 23/09 - Thomas Wolkinger

Am Ende bleibt das Leben aussichtslos

"König Lear" ist ein ungeheuerliches Stück. Nicht nur aufgrund der totalen Aussichtslosigkeit, die all die auf der Bühne versammelten Leichen am Ende vermitteln, sondern auch aufgrund der oft nur schwer nachvollziehbaren Motivationslagen der Handlung. Warum wird der König für den Liebesbeweis, den er von seinen drei Töchtern verlangt, derart hart bestraft? Warum wird er wahnsinnig? Und was sollen all die Gloucesters und Kents, die sich in den Parallelhandlungen tummeln?

Lorenz Kabas hat in seiner Shakespeare-Aneignung "Unternehmen Lear" für das Theater im Bahnhof das Stück radikal verkürzt, aus dem König den abtretenden Eigentümer eines 3-Stern-Hotels gemacht, außer den drei Töchtern sonst nur den Narren übernommen und aus den möglichen Deutungen des Stücks das Familiendrama um einen alternden Vater herausgeschält. Nachdem sich Cordelia (Juliette Eröd), anders als ihre Schwestern anfangs weigert, dem Vater zu schmeicheln, um ihr Erbe zu maximieren, wird sie nicht nur aus dem Hotel,  sondern in gewisser Weise ganz aus dem Stück verbannt. Fortan coacht sie die anderen Figuren oder macht, am Bühnenrand über Alltagsprobleme sinnierend, eine neue "realistischere" Ebene auf.

In Kurt Garzaner hat Kabas einen so witzig-nervenden wie berührenden Lear gefunden, der sich, im Hotel überflüssig geworden, statt in den Wahnsinn in die Altersdemenz flüchtet. Vom metaphysischen Pessimismus Shakespeares bleibt im TiB einer, der wohlbegründet ist: Sterben, müssen alle. Auch Lear. "Na geh," sagt er, nachdem der Narr ihm mitteilt, dass jetzt auch er, Lear, gestorben ist - an einem gebrochenen Herzen.

Eine Klasse für sich: Jacob Banigan als Banjo-Barde, der die sanften Schrecken des Todes in sanfte Melancholie zu wandeln weiß.


Kronen Zeitung, 30. Mai 2009 / Michaela Reichart

Grazer TTZ: Theater im Bahnhof mit "Unternehmen Lear"

Der lästige Mann im Hotel

Shakespeares "König Lear" haben sich Lorenz Kabas und sein hervorragendes TiB-Ensemble - unterstützt vom erstaunlichen, 82-jährigen Kurt Garzaner - vorgenommen, ins Heute transferiert und auf seine Essenz reduziert. Herausgekommen ist ein kurzweiliger, faszinierender und höchst unterhaltsamer Abend.

Lorenz Kabas hat das Drama auf das Wesentliche - den Vater und seine drei Töchter - reduziert und ihnen einen besonders musikalischen Narren zur Seite gestellt, der die Handlung immer wieder voran treibt. In weniger als 90 Minuten wird hier die Essenz des Stücks vermittelt: ein Vater, der sein Unternehmen, ein Hotel, an die zwei schmeichelnden Töchter üergibt, die ehrliche aber außen vor läßt, und schließlich zwischen den Streitereien aufgerieben wird. Dass er selbst auch eingies zum Scheitern des Unternehmens beiträgt, weil er nicht loslassen kann, liegt auf der and. Den roten Faden in dieser straffen, klugen und auch sehr witzigen inszenierungverkörpert Jacob Banigan mit seinem Banjo, der als "Narr" die Figuren singend und erzählend durch diese Inszenierung führt.

Hinreißend gespielt werden die drei Töchter: Elisabeth Holzmeister als ehrgeizige Goneril, welche die fehlende Beachtung als Kind kompensiert; die eitle und verwöhnte Reagan, von Martina Zinner perfekt gezeichnet, und Juliette Eröd als verwöhntes Nesthäkchen Cordelia, das nie zu schmeicheln gelernt hat, weil sie es freilich nie musste. Bemerkenswert ist die Leistung des 82-jährigen kurt Garzaner, der den lästigen alten Mann genauso überzeugend gibt wie den souveränen oder den verwirrten Lear.

eine sehr empfehlenswerte produktion des Theaters im Bahnhof , die noch bis10. Juni im Grazer TTZ,..., zu sehen ist.