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THE SOUND OF SEIERSBERG

 


Kleine Zeitung, 1.11.2007 FRIDO HÜTTER

Shangrila in Seiersberg gefunden

Pia Hierzegger (TiB) schrieb ein grandioses Stück über Grazer Realitäten und menschliche Abgründe.Ed Hauswirth (TiB) inszeniert es zu saumselig. ? Zu sehen im Grazer Schauspielhaus.


Seiersberg, südwestlicher Sehnsuchtsort feinstaubgeplagter Städter, steuergemästetes Shangrila im Speckgürtel von Graz.
Der stadtmüden Familie Knapp scheint der Vorort wie das Leuchtfeuer einer besseren Zukunft. Der Platz, an dem sie das Einfamilienhaus, die Bastion kleinbürgerlicher Träume, errichten werden. Uneinnehmbar von den Fährnissen der Gegenwart. Die Eingeborenen Seiersbergs reagieren skeptisch auf
den Zuzug.  Doch alsbald sind zumindest die jungen Knapps als Heiratskandidaten zur Belebung des schon etwas trüben Gen-Pools willkommen. Am Ende ist man sich einig und verbarrikadiert sich gegen möglichen weiteren Zuzug.
Groteske
Nur sensible Wesen, wie Mantscha, ein Hybrid aus Schlampe, Erdgeist und Diana, spüren mehr. Zum Beispiel, dass in Seiersberg die "Delphine leise singen, um die Autobahn nicht aufzuwecken". ? Ihr gewalttätiger Transfer zum Krüppel macht das Idyll perfekt.
Die junge Dramatikerin Pia Hierzegger hat sich der realen Konkurrenz zwischen der chronisch bankrottnahen Kulturstadt Graz und ihres von Shoppingmalls üppig genährten Vorortes bedient, umeine tragische Groteske zu schreiben.Das Grazer Schauspielhaus hat sie zur ersten großen Co-Produktion mit dem Off-Klassiker "Theater im Bahnhof" erkoren, die auch Pia Hierzeggers künstlerische Homebase ist.
Regie führt Ed Hauswirth, ebenfalls vom TiB. Und es scheint, dass er von einem gewissen Respekt für das ungewohnt
große Haus gelähmt wurde: Die fast 90 Minuten der ersten Hälfte tropfen zäh. Die zahlreichen Songs, Paraphrasen auf Eisler, Schlager und Musicals wirken wie hemmende Katarakte im ohnedies zähen Fluss des Geschehens. Erst in der knapp halbstündigen zweiten Hälfte nimmt Hauswirth die Zügel fest in die Hand und zeigt,wie es gehen könnte.Und man möchte ihm den Mut wünschen, noch einmal tüchtig nachzufassen, auch wenn Premieren keine Generalproben sind.
Hierzeggers Figuren sind subtil angelegt und werden von Könnern wie Beatrix Brunschko, EvaMaria Hofer, Monika Klengel, Martina Zinner, Juliette Eröd,
Nina Schnepf, Dominik Warta, Lorenz Kabas und Sebastian Reiß sorgfältig interpretiert. ? Sie alle hätten eine energische Straffung des ersten Teils verdient. Der Premierenapplaus fiel freundlich aus. Für den Regisseur war das ein Glück, für die Schauspieler hoch verdient, für die Autorin eindeutig zu wenig.


APA Do, 01.Nov 2007 Theater/Premiere/Graz/Steiermark/Kritik


"The Sound of Seiersberg": Stadtflucht-Drama im Grazer Schauspielhaus

Höflicher Applaus für Pia Hierzeggers Bühnenstück über  Suburbanisierung (Von Annemarie Happe/APA)  

Eine Familie flüchtet: Aus der Stadt ins neue Eigenheim aufs Land - das schon lange nicht mehr grün und idyllisch ist. Mit der Problematik der Stadtflucht beschäftigt sich "The Sound of Seiersberg" der Grazer Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Pia Hierzegger. Die Koproduktion mit dem Grazer "Theater im Bahnhof" (TiB) hatte am Mittwochabend im Grazer Schauspielhaus Premiere und wurde vom Publikum mit höflichem Applaus bedacht.    Der Trend ist markant, und er beschränkt sich nicht nur auf Graz: Immer mehr Leute ziehen wieder aufs Land. Pia Hierzegger thematisiert in ihrem neuen Stück das Phänomen dieser Suburbanisierung - und macht sich dabei auch Gedanken, welche Konsequenzen dieser Trend für den ländlichen Raum hat.    Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwei Familien: Vater Knapp zieht mit erster und zweiter Frau und den beiden erwachsenen Kindern ins städtische Umland. Dort treffen sie auf die "Eingeborenen": Anni, ihren Sohn Jakob und dessen Geliebte Mantscha. Argwohn, aber auch Sympathien machen sich breit, städtische und dörfliche Lebenswelten prallen aufeinander, Illusionen werden zerstört. Die Situation eskaliert just auf der Hochzeit, die die beiden Welten zusammenführen sollte.    Ed. Hauswirth, "Urgestein" des Grazer TiB, setzt nicht auf feinfühlige Personenführung, sondern hat das Drama auf gewohnt schrill-schräge Weise inszeniert. Er lässt ganz unbeschwert das gut eingespielte TiB-Team (Beatrix Brunschko, Monika Klengel, Lorenz Kabas, Eva Maria Hofer, Juliette Eröd und Martina Zinner) samt Kollegen aus dem Schauspielhaus (Dominik Warta, Sebastian Reiß) überzeichnen und zuspitzen, was das darstellerische Zeug hergibt. Die grelle Oberfläche sorgt für Amüsement, ermöglicht aber kaum Blicke in tiefer liegende Schichten. Unverständlich viel Raum wird der musikalischen Umrahmung durch die "Original Schlagerband" geschenkt.    Pia Hierzegger (geb. 1972) ist seit 1993 Ensemblemitglied des "Theater im Bahnhof". Als Schauspielerin war sie in "Nacktschnecken"und "Slumming" von Michael Glawogger zu sehen. Gemeinsam mit Johanna Moder erhielt sie für das Drehbuch zu "Her mit dem neuen Leben"

("Her mit dem schönen Leben" -sic!Presse TiB)

den Thomas Pluch-Förderpreis der Diagonale 2006 und gewann den "augsburg.stuecke.wettbewerb 07" mit ihrem Stück "Vernetzt denken".   


Beate Frakele / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.11.2007

Das Glück im Grünen
Uraufführung von Pia Hierzeggers Satire "The Sound of Seiersberg" im Theater im Bahnhof in Graz


Graz - Es war kein Heimspiel fürs erfolgsverwöhnte Theater im Bahnhof. Die Uraufführung von Pia Hierzeggers Satire auf den Traum vom Familienheim im Grünen gestaltete sich als anfänglich schleppende Performance vor einem weitgehend resistenten Publikum. Regisseur Ed Hauswirths kämpfte nicht nur mit dem Guckkasten Schauspielhaus, sondern auch mit einem Stück, das zu lange nicht auf den Punkt kam. Hierzegger demontiert die Illusion der heilen Welt mit den Mitteln der Trivialität. Gute Luft, Familienleben und Eigenheim sind der Stoff, aus dem die Häuslbauerträume sind. Für die Familie Knapp sollen sie in Seiersberg bei Graz wahr werden.

Den Ort gibt es. Traditionell als Kleinbürgeroase geschmäht, kann sich die mit einer "Shopping City" reich gewordene Gemeinde die Zuwanderer aussuchen, denn Baugründe sind bereits rar. Im Stück prallen die Alteingesessenen und die Zuziehenden aufeinander, der Widerstand verdichtet sich in der Figur der Mantscha (Martina Zinner), die so heißt wie ein Ortsteil von Seiersberg und mit Pfeil und Bogen die personifizierte Natur verkörpert, bis sie als misshandelte Invalide von den Städtern in Pflege genommen wird. Symbolismus mit der Keule? Eher die fürs TiB typische drastische Satire, die selten Rücksicht auf Political Correctness, Geschmack oder die Regeln des etablierten Theaters nimmt und von Schauspielerinnen wie Juliette Eröd (Frau Anni) und Beatrix Brunschko (Mama) mit unvergleichlichem Hautgoût rüberkommt.

Eher bieder

Allerdings bleiben Anspielungen vielfach unbeachtet, denn dem Stück fehlt es an präziser Fokussierung, der Regie mangelt es an Tempo, das in Show-Manier auf den Zuschauerraum ausgerichtete Spiel an der Rampe ist bieder. Mit Impro großgeworden, zitiert das TiB schon mal seine Arbeitsweise, bezieht die Zuschauer mit ein: Beim Ankommen wird man von einer Figur im Bärenkostüm (Shopping City!) befragt, was man in Graz vermissen würde oder lieber missen möchte - Antworten, die Eingang in die Dialoge finden. Das Premierenpublikum, dessen Lebenswelt und Interessen offensichtlich nicht in Seiersberg angesiedelt sind, reagierte mit müdem Beifall.