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SARAJEVO

Antrittsbesuch der Managerinnen
Grazer Theater im Bahnhof startet Saison 2014/15 in Sarajewo

 

Es ist eine emotionale Verbindung mit klaren Machtverhältnissen, die Österreich und Bosnien vereint. Gemeinsam mit Rusmir Piknjac hat das Grazer Theater im Bahnhof in den vergangenen Wochen das Stück "Mein Leben im Busch von Sarajewo" erarbeitet.

Uraufgeführt wird es am 3. September im bosnischen Nationalmuseum, das seit über zwei Jahren geschlossen ist. Als Flüchtling war der bosnische Musiker Rusmir Piknjac zwischen 1992 und 1994 in Graz und stand damals in einer der ersten TiB-Produktionen auf der Bühne. Nach über 15 Jahren in Australien ist er nun nach Sarajewo heimgekehrt, was eine künstlerische Wiedervereinigung ermöglicht hat.
Gemeinsam mit Regisseur Ed. Hauswirth und den Darstellerinnen Pia Hierzegger, Eva Hofer und Monika Klengel hat er das Stück "Mein Leben im Busch von Sarajewo" erarbeitet.

"Wir haben uns die Frage gestellt, welche Geschichten wir als Theatergruppe, die mit dem Alltag der Gegenwart arbeitet, über das Gedenkjahr 1914 erzählen können" schildert Klengel. Entstanden ist ein Stück, in dem die emotionalen Verbindungen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse zwischen Österreich und Bosnien sichtbar werden sollen. Als Textmaterial wurden Interviews mit Bankern, Managern und Maklern geführt, die ihr Beruf nach Sarajewo verschlagen hat.
"Es geht um die Frage, wie schwer es sein kann, in der Fremde Anschluss zu finden. Viele Geschichten handeln von Einsamkeit", schildert Eva Hofer.

"Dafür haben Österreicher den Luxus, die schönen Seiten genießen zu können, ohne sich mit all dem Negativen ärgern zu müssen", ergänzt Piknjac. Er sieht Bosnien als ein Land, dessen Entwicklung ins Stocken geraten ist ? auch weil Investoren aus dem Westen erkannt haben, dass nicht viel Geld zu holen sei und sich immer stärker zurückziehen.
"Das Nationalmuseum ist seit zwei Jahren geschlossen, weil es kaum noch Geld für Kunst gibt", führt er als Beispiel an. Im aktuellen Wahlkampf in Bosnien ist der Ort zu einem heiß umkämpften politischen Symbol geworden. Genau diesen Ort hat sich das TiB nun als Spielort für die Aufführungsserie in Sarajewo ausgesucht. "Es ist wichtig, dass solche Projekte aufzeigen, dass ein Museum zu allererst ein Ort der Kunst ist", freut sich Piknjac auf die Premiere am 3. September.
Im Frühjahr 2015 ist dasStück dann auch in Graz zu sehen, wo das Theater im Bahnhof am 6. September mit "Position", einer Kooperation mit dem TaO!,
in die Saison startet. (Christoph Hartner / Kronenzeitung)

Einsamkeit und Rechtfertigungsversuche von Expats
Adelheid Wölfl aus Sarajevo
4. September 2014, 17:22
Das Grazer Theater im Bahnhof reflektiert das Leben dreier Ausländerinnen in Sarajevo


Es war so, als müssten sich die Theaterbesucher wie Diebe durch die Hintertür einschleichen. Das Stück Mein Leben im Busch von Sarajevo, eine Produktion des Grazer Theater im Bahnhof fand nämlich im seit 2012 geschlossenen Landesmuseum in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo statt.

Seit zwei Jahren können die bosnischen Bürger ihr wichtigstes Museum nicht besuchen, weil die laufenden Kosten nicht bezahlt werden können und weil man sich auf politischer Ebene nicht über eine gesamtstaatliche Finanzierung einigen kann. Einige Besucher nutzten deshalb die Möglichkeit, wenigstens vor Beginn des Spiels ein paar Blicke auf die Sammlungen von Käfern, Schmetterlingen und Eulen zu werfen, die ihnen sonst verwehrt bleiben. Nicht viel weniger traurig als das verschlossene Museum, in dem unter anderem die wunderschöne und wertvolle Haggadah liegt, aber nicht mehr bewundert werden kann, war auch das Stück.
Einsamkeit der Expats

Pia Hierzegger, Eva Hofer und Monika Klengel spielten drei unglückliche Ausländerinnen, die in Sarajevo leben - zwei von ihnen, Österreicherinnen, arbeiten bei einer österreichischen Bank und erzählen aus ihrem Alltag. Bei der Figur Wilma ist dieser vor allem dadurch geprägt, dass sie darunter leidet, keinen Sex zu haben und fürchterlich einsam zu sein. Einsamkeit ist tatsächlich für manche Expats ein Problem, obwohl gerade in Sarajevo die Ausländerfreundlichkeit groß ist.

Ihre Kollegin Brigitte, die zwischen Kapitalismuskritik, Rechtfertigungsversuchen an den Kreditverträgen ihrer Bank und Österreich-Hass schwankt, will sich am Ende auf einer Alm das Leben nehmen. Und Coleen, die ein ziemlich unsinniges "Hilfsprojekt" (von denen es in Bosnien-Herzegowina auch einige gab) umsetzen will, analysiert das hohe Ausmaß an Informalität, mit der man hier einen Installateur oder irgendetwas anderes organisiert. Alle drei Frauen wirken aber so, als wären sie in der bosnischen Gesellschaft nicht angekommen, obwohl sie singen, wenn Rusmir Piknjac so schön auf seinem Akkordeon spielt.

Ein guter Regieeinfall ist, dass die Akteurinnen mit "Selfies" posieren - man blättert sich sozusagen durch ein Fotoalbum, das als Spiegel der Beziehungen funktioniert. Hierzegger alias Coleen stellt sich so vor einen der Friedhöfe, die die Stadt so prägen. Bei Reflexionen von Balkanklischees oder Neokolonialismus wirken die drei aber wie Karikaturen. Viele Ausländer haben Sarajevo aber ohnedies längst verlassen.
(Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 5.9.2014)

Zicken im "Busch von Sarajevo" Theater in der ARGE
Von Apa, abgedruckt in den Salzburger Nachrichten und der Tiroler Tageszeitung.
Das Stück "Mein Leben im Busch von Sarajevo" feierte am Donnerstagabend beim Salzburger "Open Mind-Festival" in der ARGEkultur Premiere.

 

"Theater-Spielen" oder "Theater-Spielen-Spielen" - das Grazer Theater im Bahnhof (TiB) balanciert auf diesem Grat zwischen der Realität auf der Bühne und der Imagination des Themas selbst. "Mein Leben im Busch von Sarajevo" heißt das neue Stück des prämierten Off-Ensembles, das am Donnerstagabend beim Salzburger "Open Mind-Festival" in der ARGEkultur erstmals in Österreich gezeigt wurde.
Basis für dieses Theaterstück, das im September dieses Jahres bereits im Bosnischen Nationalmuseum in Sarajevo zu sehen war, sind Recherchen, Gespräche und Interviews. Rund zehn österreichische Banker, Versicherungsleute und Wirtschaftstreibende haben über ihr Leben in Sarajevo erzählt. Und diese "Expatriates" in führenden Positionen haben sich in die Karten schauen lassen und geplaudert über ihre Befindlichkeiten, ihre Haltung zu Wirtschaft und Gewinn und nicht zuletzt über Bosnien selbst, jenen "österreich-ungarischen Körperteil", dessen Abtrennung vom Kopf Österreich auch heute noch "Phantomschmerz verursacht".
Genau dieses Verhältnis zum kleinen neuen Nachbarn, dem man mit seinen Geschäften auf die Sprünge zu helfen vorgibt, hat die Theaterleute rund um Regisseur und TiB-Impresario Ed. Hauswirth interessiert. Aber die durch Erfindungen angereicherten Originalzitate der Expatriates machen deutlich: Es geht ums schnelle Geld und dann nichts wie weg.
Auf der Bühne reden drei Frauen zum Publikum über Partys, Fitnessklubs und Kredite. Nicht arrogant und irgendwie doch. Austro-Zicken mit Geld und wenig Sex (wie sie häufig beklagen) in einem Land, in dem sogar in Kosmetik-Markenartikeln nur B-Ware drin ist. Eva Hofer, Monika Klengel und Pia Hierzegger sowie der Akkordeonist Rusmir Piknjac arbeiten mit simplen, auf Tafeln geklebten Fotos und erzeugen damit witzige Effekte, während sie pendeln zwischen den Rollen als Schauspielerinnen und den Rollen als Geschäftsfrauen in Bosnien.
Über Stadt und Land aufklären und bilden kann "Mein Leben im Busch von Sarajevo" nur marginal. Formal kreatives und körperlich intensives Theater mit Mehrwert ist es aber durchaus: Denn über die inneren Haltungen von Geschäftemachern in den ehemaligen Kronländern (und wohl allen anderen Schwellenländern auch) erfährt man ebenso viel wie über den heimlichen Frust von Frauen, die sich für Geld statt für die Liebe entschieden haben.

Brandteigkrapferl gegen Einsamkeit, Drehpunktkultur
ARGEKULTUR / OPEN MIND FESTIVAL 14/11/14
Das Verzehren eines solchen authentisch-cremegefüllten österreichischen Backwerks ganz ohne Kuchengabel war das Aufregendste und Gehaltvollste in der Produktion ?Mein Leben im Busch von Sarajewo?. Sonst war zu erfahren, dass neoliberale postkolonialistische Bankerinnen genauso unter Einsamkeit leiden wie Normalsterbliche. Von Heidemarie Klabacher in Drehpunktkultur
Das Grazer "Theater im Bahnhof" gastiert mit der Produktion "Mein Leben im Busch von Sarajewo" beim Open Mind Festival. Nach der Uraufführung im September in Sarajewo stand am Donnerstag (13.11.) die Österreichische Erstaufführung beim Koproduktionspartner ARGEkultur ins Haus. Im März gibt das "Theater im Bahnhof" das Stück daheim in Graz. Es spielen Pia Hierzegger, Eva Hofer und Monika Klengel. Ein namenloser professioneller Masseur tritt auf und in Aktion. Atmosphäre vermitteln die als Anschauungsmaterial jeweils vom Bühnenrand herbei oder aus Kisten geholten Fotografien von Jasmin Sakovic.
Rusmir Piknjac untermalt das Stück ? eine Party von Auslands-Österreicherinnen in Sarajewo - überaus reizvoll mit Akkordeon-Klängen. "Immer alles in Moll" schreit eine der Damen ihren interkulturellen Frust hinaus "aber ich liebe es!" Wir - also ich - auch. Tatsächlich hat allein die feine leise Musik das ebenso hektische wie langatmige neunzigminütige Wühlen in weiblichen Wunden dort erden können, wo man hätte sein wollen: Auf dem Balkan, in Bosnien, in Sarajewo - einer ebenso fremden wie reizvollen "südlichen" Umgebung, die für Bankfrauen (und Bankmänner) letztlich doch nur zum Schröpfen da ist. Geschröpft, etwa mit neun Prozent Kreditzinsen, wird vielleicht auch aus Rache, weil sich die dortige Kultur und Gesellschaft den billigen Avancen der Segensbringerinnen aus dem Bankensektor entzieht, genau wie der Musiker in der Bar?
Gutes Geld scheffeln, und keineswegs finanzielle Entwicklungshilfe leisten, ist primäres Anliegen von Investoren. So die wenig überraschende Erkenntnis. Und Ehemann oder Bettgenossen findet man auch im Ausland keinen. Und wenn frau doch einen gekriegt hat, einen Bosnier mit tiefblauen Augen, verzweifelt sie an den archaischen gesellschaftlichen Strukturen "dort unten".
Viel Spannendes gäbe es zu diskutieren. Die wackeren Selbst-Entblößungen der Damen liefern aber keine referierenswerten Beiträge. Zusammengestellt worden ist das Stück aus Originalzitaten aus Interviews mit Auslands-Österreicherinnen und Auslands-Österreichern aus der Geldbranche, die in Sarajewo arbeiten. Was sich mit Wirtschaftliberalismus zu beschäftigen vorgibt, bleibt die dramatisierte Kummerseite aus dem Magazin für die kinderlose Businessfrau in der Lebensmitte.