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POSITION

Der Spieltrieb bei der Arbeit
"Position" beziehen zu Pensionsbescheid und dem Wert von Arbeit. Die andere Art der Berufsberatung als Koproduktion von TaO! und TiB.

Der Pensionsbescheid der PVA flatterte mitten in die Vorbereitungen. Das Papier, auf dem penibel aufgelistet ist, wann jemand für wen und wie lange in seinem Leben beschäftigt war, befeuerte die Diskussion um den Wert von Arbeit und Fragen wie: Wann gilt etwas als Arbeit? Wann hat eine Tätigkeit einen Wert? Wo fängt eigentlich Freizeit an? Wann ist ein Mensch für die Gesellschaft wertvoll? Wer entscheidet das? Und ist das Leben am Ende nicht mehr als die Summe der Arbeitsstunden?
Johanna Hierzegger und Rupert Lehofer, Ensemblemitglieder im TiB (Theater im Bahnhof) und Manfred Weissensteiner, künstlerischer Leiter im TaO! (Theater am Ortweinplatz) wollen Fragen wie diese ab Samstag in der Performance "Position" verhandeln.
Für die "Berufsberatung der anderen Art", wie es Weissensteiner bezeichnet, wollen sie auf der Bühne eine "Zeitinsel" konstruieren. Ein Spiel aus ihrer Jugend spielte vor allem in der Annäherungsweise an das Projekt eine zentrale Rolle - und wurde intensiv praktiziert: vor, während und manchmal wohl auch in der Probenzeit. Das Nörgeln der Kollegen - "Ihr arbeitet ja gar nicht!" -  war Reaktion und Input zugleich, erzählt Hierzegger.
Der Ansatz für den Abend ist ein Konter zu Arbeitsabnützungserscheinungen: "Schluss mit lustig: Zwei Männer arbeiten nicht!" Könnte lustig werden.

Rezepte für ein gelungenes Leben
Feucht und fröhlich: "Position" im Theater im Bahnhof.

GRAZ. Willkommen im Waschsalon "Rupert Lehofer & Manfred Weissensteiner", wo Hemden aus streng philosophischer Motivation gefaltet werden, Billard mit einer Langmut betrieben wird, die sonst nur buddhistische Mönche beim meditativen Bogenschießen entwickeln und die Banderolen um die fertig gebügelte Wäsche genial-tiefsinnige Plattitüden zieren. Denn Arbeit verstehen die beiden Inhaber der Wäscherei nicht als Dienstleistung, sondern als rein musenhafte Tätigkeit zum Selbstzweck - auf Nebensächlichkeiten wie Kundschaft oder Umsatz verzichtet man in diesem ironischen (Wasch-)Kammerspiel von vornherein. Lieber widmet man sich genüsslich der eigenen Schmutzwäsche, die ihren zwei Besitzern im doppelten Sinne wie auf den Leib geschneidert ist: verblasst, demoliert und längst aus der Mode. Aber genau diese menschliche Ausschussware versteht es, mit ihren betont sinnfreien Tätigkeiten dem allgemeinen Nützlichkeitsdenken die Hörner aufzusetzen.

Die hereinflatternde Aufforderung der Versicherungsanstalt, doch bitte baldigst den Pensionsbescheid einzureichen, gerät dennoch zu einem existenzbedrohenden Störfaktor. Vor allem, weil die veranschlagte Pensionshöhe als letzte Bilanz für ein ge- oder misslungenes Leben verstanden wird. Aber wie soll eine einzelne A4-Seite überhaupt genügen, alle Tätigkeiten, Wandlungen und Ideale eines menschlichen Lebens aufzulisten?

Die arbeitsamen Faulpelze entspinnen um solche Zumutungen gewitzte Dialoge, die in ironischem, manchmal aber auch deutlich sentimentalem oder gar bitterem Tonfall ebenso unterhaltsam wie bissig sind. Die Komik der Situation verbindet sich nahtlos mit ihrer Kritik am System. "Mitmachen lohnt sich nicht. Aussteigen aber genauso wenig", ist man sich in einem der unzähligen gelungenen Aussprüche sicher. Wohl wahr. Und ewig dreht sich die Waschtrommel! ANDREAS PETERJAN

TiB und TaO! zeigen in Graz die Koproduktion "Position"
Sie schieben eine ruhige Kugel

Mit einer Koproduktion starten das Theater am Ortweinplatz und das Theater im Bahnhof in Graz in die Herbstsaison. In der Performance "Position" verweigern sich zwei Schauspieler dem Arbeitsmarkt, flüchten in eine alternative Bühnenwelt und scheitern letztlich in den Archiven der Pensionsversicherungsanstalt.

Rupert Lehofer und Manfred Weissensteiner sind eigentlich aus dem Wahnsinn der Arbeitswelt ausgestiegen und haben sich für eine Alternative entschieden, die sich Kunst nennt. Sie geben sich den Blicken der anderen preis, während sie sich auf einer zur Waschküche umgeformten Bühne ihren eigenen Alltag schaffen: Sie tanzen zum Rhythmus der Wäscheschleuder, bügeln und falten Hemden und Lebensweisheiten zu kleinen Päckchen und rezitieren skurrile Texte, während sie eine Partie Billard spielen. Doch die unausweichlichen Realitäten der Bürokratie falttern in Form von Rsb-Briefen ins Haus: Das Pensionskonto listet die Lebensleistungen schwarz auf weiß auf. "Das bin nicht ich", sagt Manfred Weissensteiner mit einem Blick auf seine Einträge: Ferialjobs, kurze Arbeitslosigkeit, mehrjähriges Angestelltenverhältnis - ist das alles, was in den offiziellen Archiven vom Leben bleiben soll? Um die Dokumente mit echten Leistungen anzureichern, beschließen sie in das Büro der PVA in Graz einzubrechen. In Position thematisieren Lehofer, Weissensteiner und Johanna Hierzegger das selbstbestimmte Leben in einer Zeit, in der sich der Wert eines Menschen vor allem durch dessen Produktivität am Arbeitsmarkt definiert. Sie stellen in ihrer Performance dem Konformismus eine idealistische und ironische Bühnenutopie gegenüber. Noch zu sehen von 24.-27.9.2014 im TiB und im Jänner 2015 im TaO!.

 

Theater im Bahnhof & Theater am Ortweinplatz beziehen Position im Schleudergang
"Anschauen, nicht zuschauen", lautet die Gebrauchsanweisung, die Manfred Weissensteiner seinem Publikum für die TiB-TaO!-Kooperation "Position" mitgibt, gleich nachdem er gemeinsam mit Rupert Lehofer die Bühne betreten hat. Aber halt. Es ist keine Bühne, die die beiden bespielen, sondern, sagen wir: eine als Hobbyraum verkleidete Waschküche für mittelalte Männer, die zwischen Bügelbrett und Wäscheleine gern mal kurz Billard spielen. Oder Kaffee kochen. Oder Gedichte aufsagen. Oder den Tanz der Wäscheschleudern tanzen. Im gleichförmigen Neonlicht entwickelt sich da eine schlichte Erzählung vom Tun. Das alles ist als eine Form privater Gentrifizierung anzuschauen - so viel geht aus den Erläuterungen hervor, mit denen sich die beiden beim Wäschewaschen, -schleudern und -aufhängen begleiten. Das führt direkt zur großen Kant´schen Frage, der sich Rupert und Manfred gegenübersehen: Was ist der Mensch? Die Antwort darauf gibt das Pensionskonto. Mit seiner leider lückenhaften Liste beruflichen Wirkens ist es, so Rupert, "das, was von dir bleibt". Der Grabstein der Lebenden. Doch damit geben sich die beiden nicht zufrieden. Im gentrifizierten Hobbykeller wird der Aufstand geprobt. Formal kommt das TiB-Freunden eh ganz bekannt vor. Und doch ist noch selten jemandem so viel Leichtigkeit gelungen, wie den beiden. Unterstützt etwa von Johanna Hierzegger, Ed. Hauswirth, Helmut Köpping, Christina Lederhaas und Georg J. Andree wurde da etwas Wunderbares gewirkt. Selten war Theater so rührend, so komisch, so privat, so eindeutig kein Theater.

Zwei Männer in der Waschküche: "Position" ist berührend und komisch.
FALTER, Hermann Götz