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Partyschreck 08

Fotos zum Download (© TiB/Eff Hofer)

Freundliche Verwüstungsspur

Feste feiern, wie sie fallen: Das Grazer Theater im Bahnhof schickt einen "Partyschreck" zu den Sozialdemokraten

In Europa ist zurzeit die patriotische Party angesagt. Was liegt für das Theater im Bahnhof (TiB) näher, als mit der Schweizer Kompanie 400asa mit Witz und Intelligenz gegen die inszenierte Erregung aus dem Geiste der Politik, Polizei und Eventkultur anzuspielen?
Ein schweizerisch-österreichisches Autoren- und Regieteam ließ sich dabei von Blake Edwards inspirieren, bei dem Peter Sellers als indischer Komparse Hrundi V. Bakshi eine psychedelische Hollywood-Fete ins Chaos stürzt. Beim TiB landen Bakshi (kongenial: Kaspar Weiss) und das Starlet Monet aus Blakes Film auf einem Event der europäischen Sozialdemokratie, inszeniert von einem gewissen Ingvar Kampsted. Wer da statt an André Heller an Ikea denkt, liegt auch nicht falsch, denn die Texte der dreiteiligen Performance bilden ein schwindelerregendes Vexierbild aus Bezügen zu Kunst, Gesellschaft und Sozialdemokratie, unterfüttert von Plattitüden politischer Rhetorik.
Die Zuschauer sind die Gäste der Party, ihre "Rolle" tragen sie als Nummer angesteckt. Über einen Audioguide (rechtzeitig abholen!) erfährt man seine fiktive Identität. Während man lauscht und schaut und von Gast zu Gast zappt, brillieren Pia Hierzegger, Lorenz Kabas und Philippe Graber in einem skurrilen Geflecht aus Reden, Diskussionen und Interviews. Immer gefolgt von Bakshis freundlicher Verwüstungsspur.
Die Party-Paraphrase erschöpft sich keineswegs im Slapstick. Schon im Vorspiel auf der Straße, wo wie immer Radfahrer und Passanten ohne Gage mitspielen, ist die Elektroschockpistole der Polizei im Einsatz. Und als dem sanften Bakshi von den Staatsvertretern ein Taser als Abschiedsgeschenk aufgezwungen wird, ist Schluss mit lustig. Europa will Fußball schauen, sich feiern, heim nach Kaschmir mit dem Inder.

(frak / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.6.2008)


"Partyschreck 08" als geniales Crossover Schweiz-Österreich in Graz
Utl.: Theater im Bahnhof und 400asa: Persiflage auf sinnentleerte und    selbstgerechte Politik- und Kunstrituale
Am 21. Juni in Wien
In Graz läuft die Kooperation der beiden EURO 08-Veranstalter auch künstlerisch auf vollen Touren. Das Theater im Bahnhof und die Zürcher 400asa haben gemeinsam die Produktion "Partyschreck 08!" entwickelt, die Performance, Premierenfeier und "Nach der Party" in einem ist. Die Uraufführung fand am Mittwochabend in Graz am Platz vor dem Schloßberg und dem Dom im Berg statt.   Ein Event im öffentlichen Raum, in dem sogar die Grazer Straßenbahn ihre Rolle spielt, wenn sie durchs Bild braust und den Besucher mit seinem Audioguide nur mehr akustische Versatzstücke wahrnehmen lässt - beim "Partyschreck 08" wird aktuelle Politik, Patriotismus und Polizei gekonnt in wenigen Szenen persifliert. Was Zuschauer ohne Audioguide ein bisschen ratlos zusehen lässt, bevor es wieder in den Dom im Berg geht, zur "Premierenfeier" nach dem "Ereignis", bei dem das Publikum auf großen "Couches" Platz nehmen, sich - wieder einmal über den Audioguide - über die anderen Partybesucher informieren kann: Ansteckkärtchen mit Nummern machen die Identifizierung leicht, nur für einen selbst wird hörbar, was auf einem Fest am besten ungesagt bleibt.   Zwischen Politikern und Künstlern und einem Schauspieler (Pia Hierzegger, Lorenz Kabas, Kaspar Weiss, Philippe Graber) läuft anfangs vieles gewohnt-routiniert, aber zusehends immer weniger rund. Bloße Lippenbekenntnisse und ausgefallene Mikrofone zeigen die Beliebigkeit solch politisch vereinnahmter Events - nachdem die Stimme mit der Funktionärsdankesrede ohnehin vom Band läuft, ist der Anzugträger eigentlich überflüssig - nicht nur wegen der abgegebenen Stehsätze. Dennoch, würde ja alles laufen - wäre da nicht der "Partyschreck", die von Peter Sellers und Blake Edwards' gleichnamigem Film entlehnte Figur, der als Schmierenschauspieler Hrundi V. Bakshi irgendwie ständig stört und deshalb am Ende mittels Stromstößen aus einem Taser nach Indien zurückgeschoben wird. Was die Moderatoren der Party wiederum so "geil" finden, dass es sie selbst nach ein paar Volt-kräftigen Stößen gelüstet.
(Von Peter Kolb/APA) =    Graz (APA)


Jenseits der Fan-Zonen

"Partyschreck 08" nimmt die Uefa aufs Korn und trifft
Als Blake Edwards 1968 seine Gesellschaftssatire «The Party» vorlegte, war es zum Höhepunkt der psychedelischen Ästhetik nicht mehr lange hin. Vor dem Jahrzehnt des Heroins stand allerdings die Auflehnung mit der «Kraft durch Blumen». In «The Party» ? auf Deutsch «Der Partyschreck» ? markiert Peter Sellers den indischen Komparsen Hrundi V. Bakshi, der versehentlich in die Villa eines Filmstudio-Besitzers eingeladen wird und das abendliche Fest nach diversen Slapstick-Einlagen in einem psychedelisch anmutenden, haushohen Schaumbad auf- bzw. untergehen lässt.

Gelungene Koproduktion

Bakshi wird in der schweizerisch-österreichischen Paraphrase à la 400asa (Zürich) und Theater im Bahnhof (Graz) hochkomisch durch Kaspar Weiss verkörpert. Ihm spielen neben Philipp Graber (der etwa in einer Leuenberger-Parodie brilliert), Lorenz Kabas in der Rolle des betrunkenen Kellners und dann des entblössten Hungerkünstlers sowie Pia Hierzegger zu, die das Starlet Michele Monet mit komödiantischem Doppelsinn gibt. Regie führt der inspirierte Philipp Stengele. Im thematischen Zentrum stehen der europäische Fussballverband Uefa und die mit ihm ökonomisch «zusammenspannende» Sozialdemokratie. Sie erteilen dem (imaginären) nordischen Künstler Ingvar Kampsted (der auch etwa für André Heller stehen könnte) im Rahmen der Euro 08 den Auftrag für ein «plurimediales Projekt». Darin wird, vor der Gessnerallee 8, allerlei Unflätiges geboten, bevor die «Party» im Haus steigt. Kern der Aufführung, ist sie so komisch wie geglückt. Das rund 100-köpfige «Premierenpublikum» hat sich bestens amüsiert.

Auftragsarbeit

Was aber beabsichtigt ein «Partyschreck» heute? Gegen die Regulierungswut der Uefa kann wohl auch ein Stimmvolk nicht ankommen ? dafür vielleicht eine herrlich eigenständige Aufführung, die mit dem Geld von Pro Helvetia, von Stadt und Kanton tut, was jede «Auftragsarbeit» glücken lässt. Sie zerstört den amtlichen Auftrag konstruktiv. Auch wenn die psychedelisch anmutende Euro-08-Party in den Uefa-kontrollierten Fan-Zonen dadurch wenig tangiert werden wird.  
Zürich, Gessnerallee, 2. Juni. Weitere Aufführungen bis 8. Juni.
Perikles Monioudis, 4. Juni 2008, Neue Zürcher Zeitung


Oh Schreck, eine Sozi-Party

Schon merkwürdig, was aus der Sozialdemokratie geworden ist.
Die Eine umarmt für ein bisschen Gas einen Holocaust-leugnenden Staatschef, der Andere ist vor allem mit schöngeistigen Reden beschäftigt und viele Weitere haben Positionen inne, über die ein kulturblog.ch-Kommentator mal geschrieben hat:
?Wenn ein Kulturbeamter mit einem Jahresgehalt von CHF 140′000.- ein ?Werkjahr? für CHF 10′000.- übergibt, stelle ich als Zuschauer mein Cüpli mit Ekel zur Seite.?
Immerhin, Österreich geht es in dieser Hinsicht nicht besser, wie 400asa und das Theater im Bahnhof Graz in Partyschreck 08 aufzeigen. Heute war Premiere in der Gessnerallee. Jeder Zuschauer erhält einen Audio-Guide und eine Nummer zugewiesen.
Draussen, vor dem Gessnerallee, gibts synchronisiertes Theater, der Text kommt über die Kopfhörer. Dann geht?s nach drinnen, in der Halle ist ein Partyraum eingerichtet, gibt man im Audio-Guide die Nummer eines Gasts ein, so hört man, wer die Person ist bzw. sein soll. Und tatsächlich: bei den paar Journalisten an der Premiere heisst es auch, sie seien Journalisten, bei den übrigen Besuchern stimmt immerhin das Geschlecht.

Was folgt ist eine endlose Party ohne Partystimmung (trotz Gratis-Vodka), bei der Sozialdemokraten parodiert werden, bei der die verordnete Freude aber ebensowenig funktioniert wie die beim Volk, das ob der Euro gefälligst euphorisch zu sein hat.
Inspiriert von Film ?Partyschreck? (1968) mit Peter Sellers geht in dieser Sozi-Party alles schief, ?der länderübergreifende sozialdemokratische Event während der EM wird im Geist der Komödie zerstört?, wie über den Audio-Guide erklärt wird.
Und diese Komödie ist von der Realität gar nicht so weit entfernt. Selten wurde der Zustand der SP dermassen treffend aufgezeigt. Gerade jetzt, wo sich nach den Abstimmungen die Partei in Genugtuung suhlt, schlägt dieser ?Partyschreck? mit besonderer Wucht ein.
Ledergerber, Leuenberger & Co., ein Besuch ist Pflicht!

von rb @ 23:45, www.kulturblog.ch


"Wir alle sind Sozialdemokraten"

Passend zur Euro wartet das Theaterhaus Gessnerallee mit einer österreichisch-schweizerischen Koproduktion auf: "Partyschreck 08" von 400asa und TiB Graz überzeugt mit klugem Witz und bitterböser Polemik. Wie eine verschworene Gemeinschaft sitzt man in der riesigen Polsterlandschaft im Theaterhaus Gessnerallee, bestückt mit Getränken, ausgerüstet mit einem Audioguide und gekennzeichnet mit einer Nummer. Dann beginnt das gegenseitige Beobachten: Wer eine interessante Person entdeckt und deren Nummer in den Audioguide eintippt, wird prompt mit Hintergrundinformationen versorgt. Ein Singletreffen? Nein, ein Teil aus"Partyschreck 08", eine freche, interaktive Performance, in der nach bewährter 400asa-Manier Realität und Fiktion vermischt und intelligent polemisiert wird. Damit hat die freie Künstlergruppe um den Berner Regisseur Samuel Schwarz in den letzten Jahren mehrmals für Aufsehen gesorgt. Zum Beispiel mit ihrem "Affentheater" an der Expo.02 oder mit "B ­ ein Stück über Sport und Behinderung" (2004), worin das (mediale) Schicksal des gelähmten Ex-Skirennfahrers Silvano Beltrametti
thematisiert wird. Gegen Selbstzufriedenheit Nun hat sich die Gruppe passend zur Euro 08 mit dem Grazer Kollektiv Theater im Bahnhof (TiB Graz) zusammengetan, um gegen die "sozialdemokratische Selbstzufriedenheit" ins Feld zu ziehen. Während gut zwei Stunden wird vielseitig untersucht, wie Politik immer mehr zu Theater wird. Als Anregung dient Blake Edwards Filmklassiker "Der Partyschreck" von 1968: Hrundi V. Bakshi, ein indischer Schauspieler, der auf einer Party von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolpert und auf diese Weise subversiv die Sinnentleerung Hollywoods aufdeckt, führt durch die verschiedenen Sequenzen und Schauplätze des Abends. Wie im Film legt "Partyschreck 08" mittels Slapstick und Überzeichnung die Sinnkrise der Sozialdemokraten bloss. Eine Zitatflut entlarvt Politiker als rote Fahnen schwingende mMarionetten der Unterhaltungsindustrie. Ob Alexander Tschäppät, Moritz Leuenberger oder Gerhard Schröder: Die von den vier überzeugenden Schauspielern Philippe Graber (bekannt aus dem Schweizer Kinoerfolg "Der Freund"), Pia Hierzegger, Lorenz Kabas und Kaspar Weiss gemimten Wohlstands-Sozialisten bewegen nur noch die Lippen zu den von
Ghostwritern verfassten Reden. Um zu überdecken, dass ihnen die Themen
ausgegangen sind, inszenieren und feiern sie sich selber. Der Ruf "Wer
hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!" könnte dem Abend als Motto
dienen.

Gegen Verrat

Die Sicherheitsdirektorin der Stadt Luzern, Ursula Stämmer-Horst (SP), wird beispielsweise parodiert, weil sie die prekären Haftbedingungen von 245 Demonstranten am Vorabend zur Euro-08-Auslosung rechtfertigte. Und Elmar Ledergerber (SP), Zürcher Stadtpräsident, kriegt aufs Dach, weil er letztes Jahr das Aufführungsverbot von Pasolinis Skandalfilm "Saló oder die 120 Tage von Sodom" unterstützte. Dabei umschifft das Regie-Trio Ed Hauswirth, Samuel Schwarz und Philipp Stengele aber geschickt die Gefahr, ins Moralinsäuerliche abzugleiten. So überwiegt in "Partyschreck 08" trotz manch bitterböser Kritik stets der intelligente Humor. Wie schreibt die Gruppe doch auf der Webseite: "Wie gern würden wir ja die Sozialdemokraten lieben! Wie gerne würden wir uns selber
lieben! Wir alle sind Sozialdemokraten."
Alexandra von Arx, Berner Zeitung, 4.6.2007