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OPERATION WOLFSHAUT

Der Standard - 05.10.2013 - Kritik von Margarete Affenzeller
Den Toten auf der Spur

Der Steirische Herbst vaziert übers Land: Mit "Operation Wolfshaut" nähern sich das Theater im Bahnhof und das Gaststubentheater Gößnitz Hans Leberts Roman. Dieser rückt dabei in den Hintergrund.

Maria Lankowitz:  Der radikale, aber wenig rezipierte Nachkriegsroman Die Wolfshaut von Hans Lebert (1919-1993) ist seit einigen Jahren wieder vergriffen. Der Wiener Autor und erklärte Antifaschist legte darin (1960), lange vor Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, die notdürftig verscharrten Leichen der Geschichte eines Dorfes frei. Er erzählt von Mitläufertum in der ländlichen Bevölkerung. Anlässlich von Leberts 20. Todestag greift der Steirische Herbst das Werk nun in Form eines Stubentheaters (Theater in Wirtsstuben) auf.

Für die Operation Wolfshaut wurden im Gasthof Grabenmühle in Maria Lankowitz (eine Stunde von Graz) die Tische in der Wirtsstubenmitte beiseite geräumt. Und ein Video-Vorspann bekräftigt noch einmal, dass wir nun dort sind, "wo die Bama san".

Die Koproduktion zwischen Theater im Bahnhof und Gaststubentheater Gößnitz (Regie: Ed. Hauswirth) erzählt vom Roman Die Wolfshaut allerdings nur indirekt, in Form von etappenweise rekapitulierten Theaterproben, die zwei Regisseurinnen aus der Stadt nicht ganz konfliktfrei mit einer Laiengruppe vom Land zusammenführt. Dabei verständigt man sich weniger über den Romaninhalt als über die ein wenig plump ironisch auf die Spitze getriebene Dichotomie Stadt/Land.

Die Lesben aus der Stadt dirigieren die katholischen Trachtenträger im Dorf. Üble Gerüche werden freigesetzt, um die Anspannung im Dorf erfahrbar zu machen. Der Roman und seine Heftigkeit rücken da unversehens in den Hintergrund. Es wird auch amüsant. Denn das Ensemble versteht es, nicht zuletzt durch unerschrockenes Singen, die Mechanismen eines Dorfes lebhaft durchscheinen zu lassen. Bis 12. 10.
Margarete Affenzeller

Salzburger Nachrichten - Kritik von Martin Behr
Dieses Scheitern ist erhellend

Wie ein Roman unkonventionell auf die Bühne kommt: "Operation Wolfshaut"

"Die Wolfshaut", der legendäre Nachkriegsroman von Hans Lebert, ist ob seiner Düsternis nicht einfach zu lesen. Zu spielen auch nicht, wie das behauptete Scheitern von zwei Theatermacherinnen belegt, die mit einer lokalen Schauspielgruppe die Essenz des Antiheimatromans auf die Bühne bringen wollten.

Die im "steirischen herbst" uraufgeführte "Operation Wolfshaut" rekonstruiert Proben des Theaterprojekts, bei dem die urbane Welt knallhart mit dem Leben im Dorf kollidiert. Das Publikum ist durch die von Regisseur Ed. Hauswirth übereinandergelegten Ebenen gefordert: Schauspieler spielen Schauspieler, die sich bei der Erarbeitung eines Stoffs, der Idyll und Hölle verhandelt, in die Quere kommen.

Ein weststeirisches Wirtshaus bietet die Kulisse für die Kooperation zwischen dem Theater im Bahnhof Graz und dem Gaststubentheater Gößnitz. Hier irrlichtern die Romanfiguren aus dem Dorf, das Schweigen heißt und nicht nur wegen Nazivergangenheit und mysteriöser Todesfälle Unheil ausstrahlt. Lethargie und Verdrängung in der von Lebert eindrucksvoll beschriebenen Provinz werden mit der klugen (und zünftigen) Theaterarbeit gebrochen: Schwelende Vorurteile etwa zwischen Stadt und Land, Mann und Frau, Einzelgängern und Teamfähigen, Laien und Profis wachsen sich zu vitalen Konflikten aus.

Das Beklemmungspotenzial der "Wolfshaut" wird mit Humor in die Gegenwart gespiegelt. Scheitern kann schön sein. Und ganz schön erhellend.

Martin Behr

Kleine Zeitung - 05.10.2013, Kritik von Ute Baumhackl

Scheitern, aber mit Gusto
Die herbst-Produktion "Operation Wolfshaut" zeigt die Mechanismen der Verdrängung. Ausgerechnet in weststeirischen Gasthäusern.

Die schlechte Nachricht: Das Buch ist vergriffen. 1960 erstmals und zuletzt 2008 aufgelegt, ist Hans Leberts "Die Wolfshaut" einer der wesentlichen Romane der österreichischen Nachkriegszeit, eine literarische Anklage verdrängter Schuld.

Ein Heimkehrer ins (auch im Roman angedeutet: steirische) Dorf entdeckt Jahre nach Kriegsende, dass sein Vater dort Selbstmord beging. Weitere Menschen sterben, während sich nach und nach ein dunkles Geheimnis, ein kollektives Verbrechen enthüllt.

Rechtliche Querelen haben zuletzt die Neuauflage des Romans verhindert. Nun scheitert auch seine Dramatisierung im steirischen herbst. Die aber wenigstens mit Absicht und Gusto ? denn die Produktion "Operation Wolfshaut", die ausschließlich in weststeirischen Gasthäusern zu sehen sein wird, beschreibt, wie eine Probensituation entgleist.

"Mir san übers Kraut kemme"?, heißt es zu Beginn, ein Regieduo aus der Stadt (Pia Hierzegger, Elisabeth Holzmeister) übt mit einer dörflichen Laientruppe (Andreas Gößler, Markus Kohlbacher, Eva Maria Krammer, Helene Krammer, Andreas Schmidt und Klaus Schmidt-Puffing) den großen dramatischen Wurf und nimmt sich dabei einiges zu viel vor. Das karikiert einerseits die reale Situation (das Grazer Theater im Bahnhof arbeitet hier mit den - großartig aufspielenden - Laien des Gaststubentheaters Gößnitz zusammen) und gibt andererseits großzügig Raum für pointenreiche Reflexionen über die nach wie vor erstaunlich stereotypen Bilder, die Städter und Dorfbewohner voneinander haben.

Mit sicherer Hand leitet Regisseur Ed. Hauswirth das Ensemble durch die Untiefen gegenseitigen Unverständnisses. Am Ende hat man eine leise Ahnung von der Macht der Verdrängung und des Selbstbetrugs. Und große Lust, "Die Wolfshaut" zu lesen.

Ute Baunmhackl



Kronen Zeitung - 05.10.2013 - Michaela Reichart

Besser kann man nicht scheitern
Eine nicht alltägliche Kooperation zweier Theatergruppen präsentiert der "steirische herbst" mit "Operation Wolfshaut" nach Hans Leberts Roman. Das Grazer Theater im Bahnhof und das Gaststubentheater Gößnitz ließen bei der Premiere im Gasthaus Grabenmühle (Maria Lankowitz) Stadt und Land aufeinanderprallen.

Stürmische Uraufführung von "Operation Wolfshaut" im Gasthof Grabenmühle (Maria Lankowitz)

Es ist eine Geschichte über das Scheitern, die hier erzählt wird. Ein Scheitern, das fast so vielschichtig daherkommt wie die Bedeutungsebenen in dieser Inszenierung, die Regisseur Ed. Hauswirth mit dem Theater im Bahnhof und dem Gaststubentheater Gößnitz für den "herbst" erarbeitet hat.

Ausgehend von Hans Leberts Roman "Wolfshaut" wird das Aufeinanderprallen von Stadt (Pia Hierzegger, Elisabeth Holzmeister als Regieduo) und Land (Andreas Gößler, Markus Kohlbacher, Eva Maria Krammer, Helene Krammer, Andreas Schmidt und Klaus Schmidt-Puffing als Schauspieler) thematisiert. Aber es geht auch um den Zusammenhalt im Dorf, die Bewältigung von Schuld, das Aufarbeiten von Geschichte, gelebtes Brauchtum, Beziehungen, Ausgrenzung, Identität und noch einiges mehr.

Wer jetzt die Befürchtung hat, dass ihn ein Abend mit erhobenem Zeigefinger erwartet, der kennt die Arbeitsweise des TiB schlecht. Mit einem Kunstgriff macht es aus der vermeintlich nicht zustande gekommenen Theater-Produktion eine durch die Rekonstruktion der Proben erzählte Geschichte dieses Scheiterns. Ganz unterschwellig werden unter den vielen sehr lustigen Situationen, bei denen die beiden Gruppen einander "ins Kraut kemma", jene Botschaften mitgeliefert, an denen man länger zu kauen hat. Denn egal, ob man vom Land oder aus der Stadt kommt, die angesprochenen Themen gehen alle etwas an - wie auch die dunklen Kapitel der Geschichte.

Faszinierend ist, wie sehr die beiden hervorragenden, und doch so unterschiedlichen Ensembles miteinander können. Und wie perfekt sich traditionelles Gaststubentheater fürs Aufgreifen kritischer Themen eignet. Die vier Musiker und Johanna Hierzeggers Ausstattung tragen ihren Teil zum gelungenen Abend bei. Viel besser kann man zeitgemäßes Volkstheater nicht machen.

Michaela Reichart

Falter - 16.10.2013

Wie anders war der heurige steirische herbst?

Ein Rückblick mit Fragezeichen

 

Und dann ist sie wieder da. Die Beschaulichkeit des hiesigen Theaterlebens. Der steirische herbst ist vorbeigerauscht -geräuschvoll, aufregend, beeindruckend. Zurück bleiben Eindrücke neuer Ausdrucksmöglichkeiten. So war es. Immer schon. Aber wars auch heuer wie immer?

2013 hat das szenische Programm im "herbst" einen anderen Eindruck hinterlassen. Es ist nicht so sehr aus dem Rahmen gefallen. Kooperationen mit dem Schauspielhaus etwa haben bislang vor allem gezeigt, dass das Stadttheater mit der Frischzellkultur des Festivals nicht mitkann. Anders Boris Nikitins Probenbühnenarbeit "Sei nicht du selbst". Der kurzweilige Selbstversuch in theatraler Nabelschau hat ganz ähnliche Qualitäten wie seine "herbstliche" Umgebung: Er ist intelligent, unterhaltsam und trashig: Off-Theater eben.

 

Wie es auch das Theater im Bahnhof, dieses Mal im Verein mit dem Gaststubentheater Gößnitz, unverkennbar unspektakulär zur Perfektion treibt. Oder die Performance-Künstlerin Ann Liv Young, die es zwar immer wieder schafft, dass sich das Publikum streckenweise richtig unwohl fühlt, die restliche Zeit jedoch glitzerndes Poptheater bietet. Nicht immer intelligent, aber unterhaltsam und trashig allemal.

Umso intelligenter "Kredit" von Daniel Kötter und Hannes Seidl: ein live nachvertonter Film zu den großen Fragezeichen hinter der Finanzmisere. Bleibt das große Fragezeichen hinter dem finalen Großereignis dieses Festivals: "Las Multitudes" von Frederico León: ein Märchenabend? Für 120 Laiendarsteller und Taschenlampen? Ein Projekt mit Bürgerensemble folgt jetzt auch am Schauspielhaus. Vielleicht kommt der frische Laien-Impuls diesmal von dort.