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NOTHING

"No, Nothing": Konzert-Performance zwischen Groove und Grind
Zusammenarbeit von Theater im Bahnhof und united sorry ließ im
brut-Konzerthaus kein Auge trocken (Von Wolfgang
Huber-Lang/APA)


Wien (APA) - Wenn "Die Liebe, ihr Tod und sein Lebensberater" zu Mikrofonen und Instrumenten greifen, bleibt kein Auge trocken. Denn der Tod ist eine Rampensau und hält sich für obergeil, sein Lebensberater ist verliebt in die eigene Stimme und die Liebe beharrt darauf, auch als etwas Ältere Minirock tragen zu dürfen. "No, Nothing" hieß "eine Bandperformance", die gestern im brut-Konzerthaus Premiere hatte.

Was sich in der Zusammenarbeit des Grazer Theater im Bahnhof und der Wiener Gruppe united sorry (Frans Poelstra und Robert Steijn) als Konzert einer schrägen "Folk-Indie-Rock-Pop-Band" dem Publikum präsentierte, brachte hemmungslos Grind und Groove, Schmerz und Schund, Esoterik-Stuss und Todeskuss zusammen. Im Mittelpunkt des tolldreisten Treibens stand Performer Frans Poelstra, der ohne Scheu vor Peinlichkeit, angetan mit nichts als einem Motörhead-T-Shirt, einen Unten-Ohne-Frontalauftritt lieferte, der die erste Zuschauerreihe ins Schwitzen brachte, der Franz Schubert mit seinen Versionen von "Der Tod und das Mädchen" im Grab rotieren ließ und einen absolut freakigen Zwillingsbruder von Herman van Veen gab.

Ihm zur Seite ein todtrauriger Norbert Wally, unentschlossen zwischen Bob-Dylan-Parodien, Leonard-Cohen-Paraphrasen und Tom-Waits-Verschnitten schwankend, sowie Gabriela Hiti vom Theater im Bahnhof, die zum männlichen Posieren nicht nur todesmutig Haltung bewahrte, sondern sich auch in innige Umarmungs- und Kussszenen begab und traurige Balladen beisteuerte ("Fad ist das neue wild. Ich bin sehr wild!"). War das nun Musikkabarett oder Performance, Konzert oder Theater, Verarschung oder Avantgarde? Egal, es hat viel Spaß gemacht, nur eine Stunde gedauert und bestens zum "Closer"-Themenschwerpunkt des brut gepasst. Viel Applaus.

Der Tod trägt Motörhead "No, Nothing" oder die schräge Auseinandersetzung mit dem Tod und seinem Lebensberater

Frans hat bestimmt die meisten Fans. Nicht mehr ganz jung und grau bebartet, hüpft er im Motörhead-Leiberl und unten ohne auf die Bühne und erzählt, dass er die Menschen liebt.

Willkommen zu einem Abend mit "united sorry" (Frans Poelstra und Robert Steijn), einem  Künstlerkollektiv, das sich gemeinsam mit dem  Grazer Theater im Bahnhof zu einer neuen Band namens ?No, Nothing? zusammen gefunden hat. Donnerstag hatte ihre Performance ?Die Liebe, ihr Tod und sein Lebensberater? im Brut Premiere.

Im Zentrum des stellenweise sehr lustigen, hin und wieder auch bemühten Abends steht das Thema Tod, in  verschiedenen Ausformungen vom schrägen Frans musikalisch dargestellt. Sängerin Gabriela Hiti (Theater im Bahnhof) ist, sehr frei nach Franz Schubert, das dazugehörige Mädchen. ?Der Tod und das Mädchen? gehen miteinander auf einen Kaffee, er trinkt einen kleinen Schwarzen, sie einen Verlängerten.

Zwischendurch geben Hiti und Norbert Wally, im richtigen Leben Sänger der Grazer Indie-Rock-Band The Base, ein Singer-Songwriter-Pärchen, das von seinen Kindern und Reisen erzählt und von Strickmützen singt. Sehr hübsch anzuhören. Was übrigens auch Sänger Wally selbst findet: In einem seiner autoerotisch angehauchten Sprechgesänge offenbart er, dass er seine Stimme liebt: sie erinnert ihn an Lebkuchen.

Ein sonderbarer, liebenswerter Abend, im Laufe dessen nicht zuletzt der sympathische Herr Tod alias Frans bestimmt den einen oder anderen neuen Fan gefunden hat.

Kurier 12. Dez. 2014

"No, Nothing": Der Quiqui hat wirklich alle Menschen lieb (Der Standard, Helmut Ploebst)
Das Theater im Bahnhof und die Gruppe United Sorry kümmern sich in ihrem gemeinsamen Stück im Brut-Theater aufopfernd um die Psyche von Gevatter
Tod. Das Alter ist weit, die Jugend dröhnt nach.


Wien - Oben auf der Straße ist es beinkalt, aber drunten im Konzerthauskeller hat das Brut-Theater reichlich Wärme eingebunkert. Die braucht es auch, denn bei No, Nothing, der Uraufführung einer Gemeinschaftsperformance von Theater im Bahnhof (TiB, Graz) und der Wiener Gruppe United Sorry, geht es um die tief temperierten Gelüste des Todes.
Zu Beginn behauptet der Musiker Norbert Wally über sein Keyboard hinweg, dass "Chinakohl die energiefreie Gravitation" brauche. Da hat Gabriela Hiti (beide sind Mitglieder des TiB) bereits zur Bassgitarre gegriffen. Während der folgenden Musiknummer tritt Frans Poelstra auf. Er spielt kurz die Blockflöte an und entledigt sich dann doch lieber seiner Hose. So entblättert tritt er ans Mikrofon, wichtig und ganz Frontman. Blickt an sich hinunter in Richtung seiner tieferen Blöße, zieht sich zurück und ein anderes T-Shirt an.
Jetzt verkündet sein Oberkörper: "Motörhead". Womit auch seine auffällige Barttracht eine Zuordnung erfährt - Poelstra ist als Lemmy Kilmister, Ikone der legendären britischen Band, verkleidet. Aber hinter dieser Fassade verbirgt sich ein anderer. Er wisse schon, dass ihn die Leute nicht mögen, so Poelstra-Kilmister. Er hingegen liebe sie sehr:"Ich brauche den Körperkontakt ..., jeden Menschen will ich berühren, alle schmecken mir gut."
Der unter Poelstras Kilmister-Oberfläche ist also jener, den man in Wien Quiqui heißt: der Gevatter, ohne den es zum Beispiel das Motörhead-Album Kiss of Death von 2006 nicht gäbe. Nun wird deutlich, warum unter der Regie von Robert Steijn (der mit Poelstra United Sorry verkörpert) in No, Nothing eine neue Musikgruppe mit dem Namen "Die Liebe, der Tod und sein Lebensberater"aufspielt. Der Tod hat ja auch eine Popkultur-Identität!
Also erzählt Frans Poelstra, nun wieder ganz Poelstra selbst, der Tod sei ein unversiegbarer Quell der Inspiration für seine Familie. Seine Mutter zum Beispiel habe in ihrer Jugend zu Schuberts "Der Tod und das Mädchen getanzt". Und heute, im Alter von 94 Jahren, entwickle sie im Pensionistenheim mit dem Tod "einen sehr langsamen Tanz". Die Musiknummern der Band gewinnen an Gehalt: Erörtert wird, warum Kin- der am Wochenende allein bleiben können und wie "I give you my skin and you know where I come from" geht. Außerdem ist ein sehr treffender Punkkracher über den Lebensumsturz, den das Kinderhaben mit sich bringen kann, dabei.
Gabriela Hiti erzählt auch ein paar kurze Geschichten. Eine handelt von einer untätigen Heilerin, eine andere vom peinlichen Gift eines letzten Geständnisses. Oder: Sitzt der Tod mit einer Frau im Café. Er bestellt sich einen Espresso, sie möchte lieber einen Verlängerten. Nein, der Tod ist kein Witz. Wirklich nicht. Aber er ist überall dabei. Und daraus wird bei No, Nothing etwas gemacht: eine zutiefst liebevolle, verspielt unheimliche Performance, in der das weite Alter eine Rolle spielt und die Enge der Jugend noch nachdröhnt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13.12.2014)