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LUST UND VERRAT

APA / Fr, 26.Apr 2013 Theater/Museen / Steiermark / Kritik

Nachts im Museum: Theater im Bahnhof monologisiert "Lust und Verrat" Spiele für Gedanken und Sinne in den Räumen der Alten Galerie im Schloss Eggenberg
(Von Peter Kolb/APA) 

Nachts im Museum, und das Theater im Bahnhof-Ensemble schaffte es bei seiner Premiere von "Lust und Verrat" Donnerstagnacht in der Alten Galerie im Grazer Schloss Eggenberg, eine weit über die Darstellung hinausgehende Empfindungswelt zu schaffen - wenn man sich darauf einlassen mag. Den Auftakt und die Grundinformation liefert das Video "Vorspiel" von Johanna Hierzegger, Regisseur Robert Steijn, Benno Hiti und Norbert Wally, gezeigt im Arkaden-Stiegenaufgang zur Alten Galerie. Der Zauber des alten Gemäuers und der museale Rahmen tut ein Übriges. Verrät meine Lust etwas über mich, was verrate ich über meinen Körper und wie offenbart mein Körper etwas über mich - Wort- und Gedankenspiele lassen sich ewig weiterspinnen. Das TiB-Ensemble und der holländische Regisseur Robert Steijn stellen am Anfang des Abends dem auf den Aufgangstufen dicht gedrängten Besuchern etliche Fragen und geben ihnen die Überlegungen mit in die Galerie. Dort wandert man in Gruppen von einer Performance zur anderen, in den nachtstillen Räumen des Museums, zwischen Skulpturen, Reliefen und Bildern, die schon durch die späte Stunde alleine eine besondere Wirkung entfalten. Die obligatorische Aufforderung "bitte Mobiltelefone wirklich abstellen, auch die Vibration" wird spätestens bei der ersten Performance klar - es ist so still zu Beginn und zwischendrin, dass sogar das Magenknurren des Nachbarn oder der Schrei eines Pfaus aus dem Schlosspark oder ferne Glockenschläge dramaturgische Teile zu sein scheinen. Herausgegriffen aus den Text-, Bewegungs- und Musiksequenzen sei die "Muttermeditation" von Eva Maria Hofer, die wie Juliette Eröd ("Familienrokoko"), Ed Hauswirth ("Vaterreise") und Gabriela Hiti ("Liebesrausch") einen Monolog ins Museum stellt: körperlich, sprachlich, schweigend. Die Resignation vor dem Körperlichen pantomimisierend, Imaginäres streichelnd, inmitten von Mariendarstellungen und Madonnenstatuen, die sie bisweilen mit "Schwestern" anspricht, von Scham und Schuld bis zum Erwachen über das "Erblühen der Lotusblume", von der Schutzmadonna zur "Schmutzmadonna", im Lichtspiel des Glases der Vitrinen. Wer die Alte Galerie kennt, erlebt sie in ganz neuen Aspekten. Wer sie nicht kannte, hat durch die Performance wahrscheinlich große Lust bekommen, sie auch tagsüber näher in Augenschein zu nehmen. Und der Bonus kommt zum Abschluss der Körpermonologe. Selbst Grazern ist es nicht oft vergönnt, durch den spätnächtlichen Schlosspark zu wandeln. Über dem Ausgang leuchtet ein fast voller Mond vom wolkenlosen Himmel durch das Geäst der uralten Parkbäume, über den in der Wiese eingelassenen Scheinwerfern tanzen Mücken und Falter, und von ihren Schlafbäumen rufen die Pfaue. Gewollt oder nicht, ein stimmiger Abschluss einer Theaternacht im Museum.

(S E R V I C E - Theater im Bahnhof in Kooperation mit dem Universalmuseum Joanneum, Alte Galerie, Schloss Eggenberg. Weitere Vorstellungen 27.4. bzw. 2., 4., 16., 17., 22. und 23.5. um jeweils 20.00 Uhr.Karten unter 0316 763620  oder E:Ticket@theater-im-bahnhof.com, nähere Info unter www.theater-im-bahnhof.com abrufbar.


Kleine Zeitung / Fr. 26. April 2013 / - Christian Ude

Das Bild vor und in mir

Das Grazer Theater im Bahnhof versucht mit Körperforscher Robert Stejn als Regisseur die Gemälde und Statuen der Alten Galerie "aufzuwecken".

Was könnte Mars zu Venus oder Ceres zu Bacchus gesagt haben - in jenen Momenten, die der flämische Maler Bartholomäus Spranger (1546-1611) eingefangen hat? Wir sind auf einer der vier Stationen von "Lust und Verrat", wo Gabriela Hiti den Göttern und Göttinnen Dialoge in den Mund legt - und dabei auch immer wieder Situationen der Bilder ins Jetzt, in ihre Gefühls- und Gedankenwelt holt. Wie Juliette Eröd bei "Familienrokoko", das sie zu ihrer eigenen Ahnengalerie macht. Das neue Projekt des Theaters im Bahnhof (TiB) erweist sich als mutiges, originelles Unterfangen, das den Untertitel "Körpermonologe" trägt und bei manchem Zuschauer sicher für Kopfschütteln sorgen wird. Was ja ebenfalls eine Haltung ist. Und darum geht es auch in den prachtvollen Räumen der Alten Galerie mit ihren Gemälden und Statuen. Es geht aber vor allem darum, sich selbst zuzuhören und in sich hineinzuhorchen. Und wo gäbe es bessere Voraussetzungen, als in einem Museum, wo Schönheit und Stille herrschen? Auf der Station "Muttermeditation" müssen die Marienfiguren von Eva Maria Hofer gar nicht aufgeweckt werden, denn sie ist als deren Schwester selbst eine selbstlos liebende Schutzmantelmadonna. Oder doch eine Eva, die verführt?

Erarbeitet wurden die Performances mit dem niederländischen Choreografen Robert Stejn. Die biografischen Elemente, Fantasien und Sehnsüchte der Schauspieler sollen dabei - posierend, tanzend, singend oder sprechend - zu poetischen Augenblicken werden, was immer wieder, aber nicht immer gelingt. Ironische Brechungen, sonst ein beliebtes Mittel des TiB, sind selbst bei der Station mit Ed Hauswirth im Rock (die im Jahrhundert der Soldaten startende und sehr persönlich werdende "Vaterreise") keine Triebfeder.

Einzigartig Die Atmosphäre ist durch den Spielort jedenfalls eine einzigartige für eine Grazer Theaterproduktion - und macht jenem Teil des Publikums, das die Alte Galerie noch nicht kannte, sicher Lust auf einen Besuch zu den üblichen Öffnungszeiten. Das letzte Wort haben bei "Lust und Verrat" übrigens nicht die Darsteller, sondern die Pfaue, wenn man den nächtlichen Schlosspark verlässt. CHRISTIAN UDE


Was nackte Körper erzählen

Theater im Dialog mit Kunst: performative Körpermonologe im nächtlichen Museum

MARTIN BEHR GrAZ (SN).

Es gibt einen Trend, das Publikum mit Tricks ins Museum zu locken. Nach dem Gratiseintritt für nackte Besucher kürzlich im Wiener Leopold-Museum will das Universalmuseum Joanneum nun die Sammlung der Alten Galerie über populäres Off-Theater schmackhaft machen. "Lust und Verrat", so der Titel des "Duells" zwischen Kunst und Theater, symbolisiert den Geist einer Eventgesellschaft, die das Außergewöhnliche braucht, um sich überhaupt mit (nicht marktschreierischer) Qualität auseinandersetzen zu wollen. Die vom niederländischen Choreografen Robert Steijn gemeinsam mit dem Theater im Bahnhof entwickelten "Körpermonologe" werden im direkten Dialog mit Meisterwerken aus dem Mittelalter, der Renaissance und des Barock gehalten. Die Atmosphäre ist überaus reizvoll: Drei Stunden nach Ende der Öffnungszeit beginnt in den Räumlichkeiten des zum Weltkulturerbe erhobenen Schlosses Eggenberg ein filmischer Epilog, der auf musikalische Weise das Begehren nach intimen Hauterlebnissen weckt.Madonna und Venus Die nächtliche Erkundung des Museums führt in Themenräume: Vaterreise, Familienrokoko, Muttermeditation und Liebesrausch. Die Schauspieler Ed Hauswirth, Juliette Eröd, Eva Hofer und Gabriela Hiti postieren sich dabei vor Ölgemälden, zwischen geschnitzen Madonnenfiguren oder zwischen einer überlebensgroßen Verkündigungsgruppe von Veit Königer. Die Texte wurden aus den Inhalten der umgebenden Kunstwerke erarbeitet, mit subjektiven Erfahrungen, Zugängen, Befindlichkeiten ergänzt, vereinzelt sind sie auch inspiriert von aktuellen journalistischen Feuilletons. Eine Akteurin entkleidet sich vor dem Bild "Mars, Venus und Amor" von Bartholomäus Spranger (1546?1611), imitiert und interpretiert Posen der dargestellten Liebesgöttin und des Kriegsgottes. Was könnte Venus, die ihren Ehemann Vulkan betrügt, zu Mars gesagt haben? Und warum wirken Gegensätze bisweilen so anziehend? Es ist eine Stärke der Produktion, dass sie beim Betrachten der Werke Assoziationen auslöst, Kunstgeschichte auf nicht alltägliche Weise lebendig macht. Steijns Ansatz umklammert Vanitas und Eros, ist ein performatives Plädoyer für Sinnlichkeit, für ein bewusstes Leben, ein Zulassen von Triebhaftigkeit und Ausschweifung. Betörend: die Stille im nächtlichen, fast leeren Museum.


Theater im Bahnhof mit "Lust und Verrat" in der Alten Galerie in Eggenberg: Die Gegenwart von alten Bildern - VON CHRISTOPH HARTNER

Ed. Hauswirth als Opfer seiner Vergangenheit ? eine der vielen
starken Szenen in "Lust und Verrat"

Was sagt ein Körper über einen Menschen aus? Dieser Frage geht das Grazer Theater im Bahnhof mit ?Lust und Verrat? in der Regie von Robert Steijn in der Alten Galerie des Schloss Eggenberg nach. Das DarstellerInnen-Quartett tritt in einen Dialog mit den Bildern und erweckt die darauf gebannten Körper zu neuem Leben. Das Resultat ist, typisch für das TiB, voller Lust und Humor, hinter denen sich kluge politische Beobachtungen verbergen ? ein Pflichtermin

 

"Habe ich meinen Körper, oder hat mein Körper mich?" Die Beziehung zwischen Geist und Fleisch wird bereits beim musikalischen Empfang auf den Treppen des Schlosses zur Diskussion gestellt. Es ist eine Beziehung, die auch in vielen der  Bilder der Alten Galerie verhandelt wird ? nicht immer offensichtlich, aber deshalb gibt es ja die DarstellerInnen des TiB als Experten für einzelne Räume. In ihren "Körpermonologen" fühlen sie sich meistens ausgehend von Spiegelungen der dargestellten Figuren in deren Situation hinein und bereichern diese mit ihren eigenen Lebenserfahrungen. Gabi Hiti etwa erkundet den Liebesrausch griechischer Götter, entdeckt in Mars und Venus nicht nur Urtypen von Mann und Frau, sondern auch ein sehr modernes Paar und wirft Fragen zu Schönheit und göttlichem Sex auf. Juliette Eröd benutzt Heiligenfiguren und -bilder für eine Familienaufstellung und erforscht so ihr familiär geprägtes Bauchgefühl. Ed. Hauswirth begibt sich auf eine Vaterreise und dringt beim Versuch, sich von den eigenen Wurzeln zu lösen, tief in seinen Körper ein. Und Eva Maria Hofer geht, umgeben von Marienstatuen, in eine Muttermeditation und fordert in einer "Erektion des weiblichen Denkens" mehr Platz für sexuelle Körperlichkeit. Es ist ein lustvoller Dialog, in den das Quartett unter der Leitung von Steijn mit den Bildern tritt, der zwar etwas unmotiviert mit einem Brief des Regisseurs endet, aber dennoch wunderbare Wege findet, um Fragen der Körperlichkeit zu verhandeln und an einem Ort der künstlerischen Vergangenheit Türen ins Heute zu öffnen.

Zu sehen ist "Lust und Verrat" bis 23. M