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LEHRERZIMMER 8020

Lehrerzimmer 8020: Schulsysteme und Quadratur des Kreises

Den Mikrokosmos Lehrerzimmer beleuchten die Darsteller des Theater im Bahnhof und des Schauspielhauses im gleichnamigen Stück

 

Herr Kabas, Sie geben Ihr Debüt als Allein-Autor für das neue TiB-Stück
"Lehrerzimmer 8020". Worauf sollte sich das Publikum gefasst machen?

LORENZ KABAS: Grundsätzlich auf einen Abend, der die Situation einer fiktiven Grazer Schule radikal subjektiv aus der Position der Lehrerinnen und Lehrer zu beschreiben versucht.

Dabei kommt aber, wie stets beim Theater im Bahnhof, wohl auch die Ironie und
Sozialkritik nicht zu kurz, oder?

KABAS: Nein. Die Ironie kommt keineswegs zu kurz. Weniger im kabarettistischen Sinn, sondern durch den realen Aberwitz. Es geht darum, aus der Lehrerperspektive die Quadratur des Kreises zu schildern, die sich durch die ständig gescheiterten Versuche ergibt, das Bildungssystem zu reformieren. Schauplatz des Stücks ist ein Konferenzzimmer, wird es auch eine durchgehende Handlung geben oder hielten Sie sich beim Text an Einzel-Episoden?

KABAS: Es gibt, als Hauptfigur, eine Direktorin, die mit unterschiedlichsten Problemen, Geschichten und Ereignissen konfrontiert wird.

Sie bewegen sich da ja auf halbwegs vertrautem Terrain, schließlich waren Sie ja, wenngleich nur kurz, selbst als Pädagoge tätig.

KABAS: Ja, ich habe kurze Zeit unterrichtet, aber in diesem Fall waren die Recherchen, die Gespräche mit Pädagogen, weitaus wichtiger, um wirklich eine Vielzahl an Miseren, Machtspielen und auch an Migrationsproblemen aufzuzeigen. Und für all das ist so ein schulischer Mikrokosmos schon ein idealer Schauplatz. 

WERNER KRAUSE


 

 

Expedition in die Frustration

Auf der Probebühne am Grazer Schauspielhaus erzählt  "Lehrerzimmer 8020" vom Versagen des Bildungssystems - und von der  wachsenden Hilflosigkeit der Pädagogen.

 

Eigentlich wollte man demnächst gemeinsam in den Türkisch-Kurs, "damit wir verstehen, was die in der Pause immer reden." Aber in Wahrheit ist man zu beschäftigt und zu müde, und dann muss ja das Schulprojekt neu aufgesetzt werden, nachdem die Kollegin Stremitzer wegen Burn-out monatelang ausfallen wird. "Magellan" heißt der natürlich fächerübergreifende, natürlich interkulturelle Schulversuch, bei dem die 5c den Grazer Stadtraum mit der Postleitzahl 8020 erforschen soll. Die Direktorin findet das "ganz toll, nein, wirklich!" und der Lehrkörper zieht widerwillig mit. "Lehrerzimmer 8020" von Lorenz Kabas erzählt anhand des Projektverlaufs von einem Bildungssystem, das den Erfordernissen der Interkulturalität nicht mehr gewachsen ist. Zum schlüssigen Bild dafür wird die AHS am rechten Murufer, dessen überforderten Lehrern kaum noch das Management ihrer Aggressionen, Frustrationen, ihres Desinteresses gelingt: "Soll ich bei der Gangaufsicht den Siebtklässlern beim Schmusen zuschauen oder beim Dealen?"

 In der für das Theater im Bahnhof typischen Mischung aus kurzen, gagreichen Szenen, Tanz- und Musikeinlagen (inklusive eines dreiköpfigen Chors schwarzmähniger Parzen) malt Regisseur Helmut Köpping in dieser Koproduktion mit dem Schauspielhaus die Innovationstraumata eines wertkonservativen Milieus sowie die Folgen einer versagenden Bildungs- und Einwanderungspolitik pointillistisch aus. Beatrix Brunschko als passiv aggressive Klassenvorständin wider Willen, Florian Köhler als erklärfreudiger Mathematiker, Martina Zinner als spröde Anglistin stechen aus dem spielfreudigen Ensemble hervor; der Abend als solcher gehört jedoch Monika Klengel, die als Direktorin das vielschichtige Porträt einer so überambitionierten wie fantasielosen Persönlichkeit abliefert. Deren Scheitern ist erst komplett, als sie zu Schulschluss auf den nächsthöheren Posten weggelobt wird. Und dass in all dem Wirbel die Schüler gar keine Rolle mehr spielen, hat da ganz klar Methode.

 

Ute BAUMHACKL

 


Lorenz Kabas vom Theater im Bahnhof im Gespräch über "Lehrerzimmer 8020"

Die theatrale Erkundung ihrer Grazer Heimat setztdas Theater im Bahnhof mit  dem Stück "Lehrerzimmer 8020" auf der Probebühne im Grazer Schauspielhaus fort.
Premiere ist am 9. März. Federführend in diesem Stück über das System Schule ist  Lorenz Kabas. Die "Krone" hat ihn zum Interview getroffen
.

Lustvoller Wahnsinn namens Schule

In der Wahrnehmung vieler steht die Postleitzahl 8020 für eine problematische Gegend in Graz, vor allem in punkto Migration.

"Man muss das differenziert sehen, auch Wetzelsdorf ist 8020, und dort ist es eher kleinbürgerlich. Unsere Erkenntnis aus den Gesprächen mit LehrerInnen ist, dass die Migrationsdiskussion stellvertretend für die Bildungsdebatte geführt wird. Dort, wo es Probleme gibt, hat es weniger mit der Herkunft als mit der sozialen Schicht zu tun."

Also kein Stück über Integration in der Schule?

"Nein. Die Migrationsfrage ist im Stück eine Randerscheinung. Es wäre zu einfach, dieses Pickerl auf 8020 zu kleben, das wäre wie eine bedeutungslose Verzierung. Wir haben versucht das System Schule zu beleuchten."

Im Zentrum eurer Debatte stehen die LehrerInnen. Wie habt ihr den Stoff erarbeitet?

"Wir haben Interviews geführt, LehrerInnen zum Arbeitsalltag, aber auch zur Wahrnehmung des Lehrerbildes in der Öffentlichkeit befragt. Letztlich geht es aber um mehr als nur eine Umsetzung dieser Bestandsaufnahme. Wie immer bei unseren Arbeiten setzen wiruns mit viel Liebe mit einem System auseinander, das wir durch unseren Filter laufen lassen und dann auf die Bühne bringen."

Wie sieht das Resultat dieser Filterung aus?

?Wir haben uns bewusst für eine Utopie entschieden. Wir behaupten, dass das stattfindet, was immer wieder diskutiert wird: Eine Klasse soll den Semesterstoff nicht in Form von Stunden, sondern Projekten erarbeiten. Aber eigentlich ist das Thema Bildung viel zu groß und komplex für einen Theaterabend. Wenn man glaubt, ein Teilproblem gelöst zu haben, entdeckt man dahinter viele weitere Probleme. Im positivsten Sinne geht das Publikum nach unserem Stück raus und denkt sich: Was ist das eigentlich für ein lustvoller Wahnsinn, der da passiert?"


Probebühne: "Lehrerzimmer 8020" von Theater im Bahnhof und  Schauspielhaus

Ein Mikrokosmos unter der Lupe

 In den Schulalltag auf der angeblich weniger attraktiven Murseite taucht das Grazer Theater im Bahnhof mit seiner jüngsten performativen Stadterkundung "Lehrerzimmer 8020" ein. Gemeinsam mit dem Schauspielhaus Graz wurde ein Abend entwickelt, an dem mit gewohnt scharfem Blick und den typischen TiB-Theatermethoden all das aufs Tapet gebracht wird, was im Schulalltag und weit darüber hinaus im Argen liegt. Ein höchst unterhaltsames Unterfangen. Eine Vision bringen Regisseur Helmut Köpping und sein um vier Schauspieler aus dem Haus erweitertes Team auf die Bühne. Denn in der Klasse 5c wird ein Semester lang fächerübergreifend nur ein Projekt erarbeitet. Dass das bei schulfremden Lehrern für Gelächter sorgt und im eigenen Kollegium für manch Überforderung, liegt auf der Hand. Ein reiches Feld also, von dem sich das TiB diesmal nährt. Textautor Lorenz Kabas(unterstützt vom Ensemble) hat der Berufsgruppe ganz genau "aufs Maul g?schaut", nicht selten hat man das Gefühl, Lehrern aus dem eigenen Bekanntenkreis (oder der eigenen Schülervergangenheit) zu begegnen. Klischees werden gekonnt bedient, ohne dass man sie überzeichnet, die Lehrer samt der sich großartig aus der Verantwortung ziehenden Direktorin (Monika Klengel) wirken ungemein sympathisch, sind garantiert keine Witzfiguren. Jeder der hinreißend agierenden Darsteller (Jacob Banigan, Beatrix Bruschko, Elisabeth Holzmeister, Simon Käser, Florian Köhler, Franz Solar und Martina Zinner) punktet durch die gewissenhafte, detailfreudige und nie bloßstellende Zeichnung seiner Figur. Dazu kommt ein Trio im Glitzerfummel (Juliette Eröd, Pia Hierzegger, Seyneb Saleh), das, musikalisch begleitet von Norbert Wally und Albrecht Klinger, das Geschehen singend kommentiert und unterstützend eingreift. In dieser Produktion seziert das TiB einen Mikrokosmos; die Beziehungen, Probleme, Träume und Wünsche darin lassen sich aber locker auf ein größeres Ganzes übertragen. Unbedingt anschauen!

 

MICHAELA REICHART