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GRAZ ALEXANDERPLATZ

Imre Lichtenberger-Bozoki"Schwere Inhalte sind leichter in gesungener Form".
Imre Lichtenberger-Bozoki tüftelt derzeit an Musik für das Theater im Bahnhof. Premiere von "Graz Alexanderplatz" ist am 19. 4. im Dom im Berg; auch Peter Alexander wird eine Rolle spielen.
Imre Lichtenberger-Bozoki ist einer der meistbeschäftigten Theatermusiker im Land - Er verrät, was die Königsdisziplin ist und wie er sich auf "Graz Alexanderplatz" vorbereitet
Wien - Engagements im Sandy Lopicic Orkestar haben den Jazzmusiker Imre Lichtenberger-Bozoki vor über zehn Jahren an das Theater geführt. Damals suchte Johann Kresnik Musiker für eineProduktion am Grazer Schauspielhaus. Es war ein Initiationserlebnis - und seither komponiert Imre Lichtenberger-Bozoki als freier Theatermusiker. Unter anderem am Burgtheater (in Inszenierungen von Niklaus Helbling), am Volkstheater (derzeit Die Dreigroschenoper und bald Kinder der Sonne) und ganz aktuell mit dem Theater im Bahnhof (TiB), das Alfred Döblins
Stadtroman Berlin Alexanderplatz auf das gegenwärtige Graz umgemünzt hat.

Standard: Wann ist Theatermusik gut?
Lichtenberger-Bozoki: Nur dann, wenn auch die Inszenierung gut ist. Und es gibt natürlich ganz unterschiedliche Prinzipien. Sehr schwierig ist etwa das Doppeln, d. h. wenn ich ein Gefühl auf der Bühne versuche mit Musik zu unterstreichen. Genau das, was im Film sehr gut funktioniert, geht am Theater ganz schwer. Dem Film gelingt durch die Tonmontage, also durch das Abmischen der Stimmen mit der Musik, eine einheitliche Stimmung. Im Theater ist das nicht gegeben, da sind die Schauspieler visuell wie stimmlich ortbar, und die Musik kommt meist aus Boxen, da wirkt das eher wie eine Störung, wie eine gegenseitige Auslöschung.

Standard: Was ist dabei das Schwierigste?
Lichtenberger-Bozoki: Die Königsdisziplin ist es, Musik unter Bühnentext unterzulegen. Da muss man sehr reduktionistisch vorgehen und eine eigene Dimension erfinden, die man dann vielleicht gar nicht so bewusst wahrnimmt. Das Einfachste sind Zwischenmusiken, also Musik zwischen den Szenen.
Standard: Der Regisseur ist dabei ihr wichtigstes Gegenüber?

Lichtenberger-Bozoki: Ja, und das ist ganz unterschiedlich. Man darf jedenfalls nicht eitel sein. Es kann leicht passieren, dass man dreißig, vierzig Arbeitsstunden in eine Komposition investiert hat und sich dann auf der Probe herausstellt, dass es doch nicht passend ist. Dafür gibt es dann den Resteordner am Computer.
Standard: Wie gehen Sie an die jeweiligen Stücke heran?
Recherchieren Sie selbst, oder arbeiten Sie nach Vorgaben?
Lichtenberger-Bozoki: Die Musiker bekommen üblicherweise schon Monate vor Probenbeginn eine erste Stückfassung. Es gibt Regisseure, die sich selbst Gedanken über die Musik machen, sei es weil sie selbst sehr musikalisch sind und viel über Musik wissen, dann können sie auch ihre Ziele besser formulieren und sagen "Machen mir Musik wie Frank Zappa". Gut klauen können ist ein wichtiger
Teil der Arbeit. So funktionieren vierhundert Jahre Musikgeschichte.
Standard: Wie ist das bei "Graz Alexanderplatz"? Ist da für Sie der Originaltext von Döblin und die Zeit der Weimarer Republik wichtig?

Lichtenberger-Bozoki: Nein, nicht so sehr der Ursprungstext. Autorin Pia Hierzegger hat Döblins Roman ganz auf Graz umgemünzt. Da sind die Bauelemente, mit denen Döblin gearbeitet hat, ja schon weiterentwickelt. Das darin enthaltene Prinzip der Montage ist für mich ausschlaggebend. Und weil das Theater im Bahnhof eine lustige Gruppe ist, ist sogar Peter Alexander eine Musikinspiration geworden.
Standard: Wie viel bringt dann die Probe noch? Wird improvisiert?

Lichtenberger-Bozoki: Viel von der Musik entsteht auf bzw. zwischen den Proben.
Eine szenische Idee hat eine musikalische zur Folge, so zirka. Ich setze die Kopfhörer auf, nehme mein Keyboard und bastel spontan etwas.

Standard: Es ist also sehr wichtig, bei den Proben dabei zu sein?

Lichtenberger-Bozoki: Es ist meist sehr wichtig. Allerdings, das klingt jetzt
blöd: Das kostet.
Standard: Kusej hat einst Leonard Cohens "Take This Waltz" bei " Geschichten aus
dem Wiener Wald" eingesetzt. Gute Idee?

Lichtenberger-Bozoki: Das ist Geschmacksache und kommt ganz darauf an. Ich schreibe lieber selber. Billig würde ich es finden, etwa zu einem Stück über eine Vergewaltigung Falcos Jeannie aufzudrehen. Die Musik sollte den Grad der literarischen Komplexität nicht unterschreiten. Außerdem lässt man - egal ob das Bohemian Rhapsody ist oder Leonard Cohen - ungefiltert die ganze Welt auf die Bühne, das sollte einem bewusst sein. Rock und Pop finde ich deshalb sehr
schwierig, das mache ich mir am Rechner im Homestudio lieber selbst. Hingegen ist es nicht ganz so einfach, ein Weihnachts-Oratorium à la Bach zu schreiben (lacht ).

Standard: Oft hat das Theater ein Problem, sich auszudrücken, und landet dann bei der Musik. Ist deshalb Theatermusik in den letzten Jahren mehr geworden?
Lichtenberger-Bozoki: Ja, ich glaube auch, dass das wächst. Diese zwölf Töne versteht ein jeder. Schwere Inhalte sind leichter in gesungener Form zu transportieren. Und: Musik fungiert auch oft als Ventil, um sich von Gedanken zu entspannen, ohne sich emotional auszuklinken. Nicolas Stemann macht das sehr gut mit den Jelinek-Texten.
Standard: Manche Theaterabende könnten auch als Konzerte gelten.
Lichtenberger-Bozoki: Ja, ich denke, es beschäftigen sich heutzutage mehr Musiker mit dem Theater. Früher, in der Zeit vor der Verarmung der Gastwirtschaften und vor dem Zeitalter der Clubs und des DJ-Kults, wurde viel mehr live gespielt. Die Musiker der 1960er-Jahre haben eine Woche da gespielt und dann eine Wochen dort. Da hatte man dann sicher keine Lust mehr, auch noch im Theatergraben zu klimpern. Heute sind die Theaterjobs die mitunter bestbezahlten für einen Musiker. Auch wenn man eine erfolgreiche Band hat. Eine andere Entwicklung ist auch das Neue Musiktheater, mein Erweckungserlebnis war Heiner Goebbels, der mit Heiner-Müller-Texten Gesamtkunstwerke geschaffen hatte, da zerfließen Text und Musik. Oder Bob Wilson und Tom Waits. Ich wollte was Ähnliches versuchen und die drei Die Hard-Filme vertonen, doch es gab vonseiten des Kulturamts eine Absage. Imre Lichtenberger-Bozoki, geboren 1979 in Novi Sad,seit 1999 in Österreich, verheiratet mit der Schauspielerin Suse Lichtenberger, drei Kinder.

(Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 4.4.2012 - Margarete Affenzeller, 3. April 2012, 18:01


Expeditionen in das Naheliegende

Ein kühnes Projekt, das auch die Zeit, den Raum und die Wahrnehmung aus
den Angeln hebt: Das Theater im Bahnhof verlegt Alfred Döblins Alexanderplatz
von Berlin nach Graz.

Um Mögliches entstehen zu lassen, muss immer wieder das anscheinend Unmögliche versucht werden. Eine Maxime, der sich das Grazer Theater im Bahnhof (TiB) seit vielen Jahren verschrieben hat. Sie ermöglicht nun auch eine Begegnung, der schon vor der Uraufführung ein Freibrief für Spannendes, Verblüffendes und oftmals Übersehenes ausgestellt werden kann.Denn in der neuen Produktion wird Alfred Döblins Jahrhundert- werk "Berlin Alexanderplatz" nach Graz verlegt. Klingt kühn, ist es auch, letztlich aber durchaus plausibel. Döblin schuf nicht nur den ersten deutschsprachigen Großstadtroman, er führte  rund um seinen Anti-Helden Franz Bieberkopf nicht nur die Auslöschung des Individuums drastisch vor Augen, er verhalf auch der literarischen Stadtbegehung und den Textmontagen zu völlig neuen Dimensionen.Das hoch kreative TiB-Kollektiv hat seinerseits schon durch mehrere theatralische Graz-Expeditionen bewiesen, dass nicht nur das Fremde, sondern auch das Abenteuerliche, Exotische, Unerwartete gleich um die Ecke warten kann; wer Pech hat oder Scheuklappen trägt, dem offenbart es sich halt lediglich durch einen Fehltritt in Hunde-Hinterlassenschaft. Mit "Graz Alexanderplatz" folgt jetzt ein weiterer Blick hinter Menschen- und Gebäudefassaden. Pia Hierzegger schuf den Basistext. In ihrer Version verwandelt sich der Protagonist in eine Frau namens Marion Schreiner, reich an seelischen Blessuren. Verkörpert wird sie durch sechs Frauen; ins Schicksal und in eine Stadt geworfen. Schauplatz ist ein Kaffeehaus, "die Orte entstehen durch die Erzählungen dieser Frauen" sagt Pia Hierzegger. Dabei spielte der Zufall eine wichtige Rolle. Barbara Markovi, derzeitige Grazer Stadtschreiberin, die schon mehrmals ihre virtuosen Fähigkeiten als poetische Flaneurin bewies, arbeitet an einem speziellen Graz-Buch: "Ich schreibe die Stadt ab. ich sammle und notiere alles, was die Stadt über sich sagt, durch Werbungen, durch ihr Verhalten, Hinweistafeln, Schilder, Graffitis und vieles andere."
So fügte sich zusammen, was ideal zusammenpasst: einerseits die Erzählung der Protagonistin, andererseits die Rahmenhandlung durch Textmontagen, (siehe Zitate nebenan). Ein Stück Stadt, ein Stadtstück, eine garantiert unkonventionelle Nah-Erforschung. Also: Platz nehmen.
Graz Alexanderplatz. Uraufführung durch das TiB: 19. 4., 20 Uhr, Dom im Berg.
WERNER KRAUSE - Kleine Zeitung 17.4.2012 


Theater im Bahnhof erforscht Graz Alexanderplatz
Akribische Erkundung der Stadt
Eine Reise zu den Vorstellungen von dieser Stadt - so könnte man die
Probenarbeit zu "Graz Alexanderplatz" vom Theater im Bahnhof, das am Donnerstag
im Dom im Berg uraufgeführt wird, umschreiben. Ausgangspunkt ist Döblins
berühmter Berlin-Roman, das Ziel ist, wie stets beim TiB, voll Überraschungen.

Die Lektüre von Alfred Döblins Großstadtroman ?Berlin Alexanderplatz? stand ebenso auf der ToDo- Liste des TiB-Teams wie die über einen längeren Zeitraum durchgeführte Beobachtung und Dokumentation bestimmter Orte in Graz. Dabei haben wir versucht, unsere subjektive Wahrnehmung möglichst zu objektivieren?, beschreibt Eva Hofer den Prozess. Doch allein mit der genauen Erkundung der Stadt ist es diesmal nicht getan. Das Theater im Bahnhof setzt unter anderem auf die Zusammenarbeit mit der Grazer Stadtschreiberin Barbi Markovic, die sich
intensiv damit beschäftigt, die Stadt ?abzuschreiben?. Dazukommt ein Monolog von
Pia Hierzegger ? von einer Frau, die ihren letzten Tag  erlebt. Und auch der Gedankenaustausch über Methoden der Feldforschung mit dem angehenden Kulturanthropologen Robin Klengel wirkt sich auf die Arbeit am Projekt aus. Dass das Theaterkollektiv seine Fühler immer weiter ausstreckt, beweist zudem die Mitwirkung des Trompeters Imre Lichtenberger-Bozoki. Stadterkundung ist eine der großen Stärken des TiB, auch weil es immer auf der Suche nach Neuem ist. Mit
?Graz Alexanderplatz? geht das Team einmal mehr kaum beschrittene Wege.
Premiere: 19. April, 20
MICHAELA REICHART, Kronen Zeitung, 17.4.2012





Biberköpfin im Theater im Bahnhof

"Graz Alexanderplatz", adaptiert von Pia Hierzegger und Barbara Markovic

Graz - Auf dem Programmfolder von Graz Alexanderplatz ist eine akribisch detaillierte Kinderzeichnung von Graz zu sehen, eine naive Ansicht von oben. Einmal mehr macht das Theater im Bahnhof sein Graz zum "Modell der Welt". Autorin Pia Hierzegger bezieht sich nicht nur im Titel auf Alfred Döblin. Zusammen mit Stadtschreiberin Barbara Markovic verfasste sie ein Stück, das vielfältige Bezüge zu Döblins Großstadtroman her-, aber trotzdem in einen neuen Zusammenhang stellt. Der Text der Stadt, das sind Verbote und Verheißungen. Markovic nimmt ihn von Plakaten und Hinweisschildern, von Werbetafeln und Geschäftsaushängen. Ein ewiges Summen, Hintergrundmusik für eine Tragödie. Hierzegger legt der Protagonistin Marion Schreiner Monologe von wachsender Unordnung in den Mund, von Depression und Lethargie, der sich die Regie von Ed. Hauswirth und Monika Klengel (zu) ausführlich hingibt. Wie für Franz Biberkopf ist die Stadt auch für Marion Schreiner eine Strafe: laut, voller Menschen. Hierzegger versieht ihre "Biberköpfin" mit vielen Anspielungen auf Döblins Haftentlassenen, einen lahmen linken Arm etwa, der ihr von einem Baustellenunfall geblieben ist. Nach 18 Jahren Berufs- und Lebenspartnerschaft verlassen und ohne finanzielle Absicherung, ist die Architektin - wie Franz Biberkopf - auf der Flucht vor der Vergangenheit. Marion Schreiner wird von sechs Frauen gespielt, die letzte Szene - ihr Selbstmord mit Tabletten und Alkohol - von Martina Zinner als ein leises, beklemmendes Zur-Ruhe-Kommen. Im Bewusstseinsstrom von Graz Alexanderplatz zeigt das TiB wie immer keine Angst vor Banalitäten. Als erratische Regiefigur dirigiert Jacob Banigan das (zuweilen schleppende) Ganze, macht dessen Spielcharakter deutlich. Das Ensemble bildet meist eine Gruppe unbeteiligter Zuschauer, die Schach spielen, essen oder mit skurrilen Szenen zwischen die Monologe treten, die in vielen Varianten vom Loslassen handeln.
(Beate Frakele, DER STANDARD, 21./22.4.2012)  


TiB-Premiere von "Graz Alexanderplatz" im Dom im Berg: Ein dramatischer letzter Tag

Das Grazer Theater im Bahnhof überrascht immer wieder mit neuen Zugängen. In der aktuellen Produktion "Graz Alexanderplatz" im Dom im Berg setzt eine große Besetzung in der Regie von Monika Klengel und Ed. Hauswirth eine Spirale der Frustration und Depression in Gang, die unweigerlich schlecht ausgehen muss.
Mit Alfred Döblins Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" hat die Produktion nur peripher zu tun. Dafür hält sich die Truppe diesmal ziemlich genau an die textliche Vorgabe von Pia Hierzegger. Sie hat den letzten Tag der am Leben und an ihren zwischenmenschlichen Beziehungen scheiternden Architektin Marion in einem beklemmenden Monolog nachgezeichnet, der unweigerlich auf einen sehr endgültigen Schlusspunkt zusteuert. Es ist ein starker Text, der einem unter die Haut geht, vielleicht, weil er jedem im Publikum einen Spiegel vorhält, in den keiner gerne schaut. Kombiniert wird der Monolog mit Texten von Stadtschreiberin Barbi Markovic, die Graz "abschreibt". Baumwidmungen sind ebenso Teil dieser Erkundung, wie Werbesprüche oder Busfahrpläne. Mit diesen Texten wird eine eigene Ebene eingeführt, die der depressiven Stimmung der "Heldin" eine unpersönliche "Stadt- Haltung"entgegensetzt. Wie immer nützt das TiB eine Vielzahl an theatralischen Mitteln, die über die  Jahre perfektioniert worden sind. Wie immer wird die Geschichte auf  mehrerenEbenen und aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Und wie immer hinterfragt sich das Kollektiv damit auch selbst. Mit Monika Klengel und Ed.Hauswirth treffen zwei sehr unterschiedliche Regie-Persönlichkeiten aufeinander, die sich gut ergänzen. Da sind die stillen, genauen Momente und Tan-Einlagen auf der einen Seite und die anarchischen, schrägen Ideen auf der anderen, die sich zum spannenden Ganzen fügen. Ergänzt durch die bis ins Detail liebevolle Ausstattung Johanna Hierzeggers.
Die Rolle der Marion ist auf Juliette Eröd, Pia Hierzegger, Gabriela Hiti, Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister und Martina Zinner aufgeteilt ? umschwirrt im wahrsten Sinn des Wortes .von Jacob Banigan, Lorenz Kabas, Helmut Köpping, Imre Lichtenberger-Bozoki (auch Musik) und Rupert Lehhofer.
Ein ungewohnt ernster und nahe gehender Abend, ein großes Erlebnis!
Eine der Marion-Darstellerinnen: Juliette Eröd mit faszinierendem Männerballett im Hintergrund

VON MICHAELA REICHART, Kronen Zeitung am 21.4.21012


Das Berlin der 30er im Theater im Bahnhof

Mit viel Experimentieren und Entdecken hat das Theater im Bahnhof die Romanvorlage von ?Berlin Alexanderplatz? nach Graz verlegt. Graz bildet dabei die Kulisse für eine verlassene und seelisch verletzte Architektin.

Unter der Regie von Ed Hauswirth und Monika Klengel beleuchtet das Stück Stadt und Innenleben der Hauptfigur, begleitet von vielen Rahmen- und Nebenhandlungen, in einer vielschichtigen Collage. ?Im Prinzip versuchen wir, Geschichten zu erzählen, die mit uns zu tun haben, die wir selber nachvollziehen können. Und Berlin der 30er-Jahre, das ist aufkeimend, pulsierend, die schnellste Stadt der Welt, hat man damals gesagt?, so Hauswirth. Theater im Bahnhof Regisseure Grazer Anlehnungen durch Stadtschreiberin Graz ist da anders ? angelehnt an die Berliner Romanvorlage wird die Montage der Stadt Graz wieder durch sogenannte Abschreibungen von Stadtschreiberin Barbi Markovic verstärkt, und die Hauptfigur im Stück wurde unter allen Schauspielerinnen aufgeteilt, so Schauspielerin Pia Hierzegger, "und irgendwann haben wir dann gesehen, wir sind sechs Frauen, also könnte jede einen Teil dieses Tages übernehmen".
Vorlage Berlin der 30er-Jahre Auch wenn das Graz von heute anders ist als das Berlin der 30er - "Graz, Alexanderplatz" wirkt mit seinen vielen kleinen Stadtdetails und erzeugt mit dem Text die Kulisse in den Köpfen der Zuschauer.


Von geplatzten Träumen. Kopfkino mit Trauerflor

Eine Anti-Heldin stolpert über Erinnerungen und durch die Stadt: Uraufführung von "Graz Alexanderplatz" des Theaters im Bahnhof. Am 19. April fand die Uraufführung von "Graz Alexanderplatz" des Theater im Bahnhof im Dom im Berg statt.

Wenn das Theater im Bahnhof (TiB) ein neues Stück "baut", überrascht es immer wieder durch seine Montagetechnik: "Graz Alexanderplatz" ist keine Adaption von Alfred Döblins Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz", auch nicht die ultimative Erzählung einer Stadt über sich selbst. Das Buch ist der Samen für die letzten Tage einer Grazer "Biberköpfin". Pia Hierzegger, aus deren Feder alle Monologe des in sechs Kapitel geteilten Abends stammen, tauft sie Marion. Eine Architektin, die vielleicht einmal einen Grazer Alexanderplatz geschaffen hätte. Der Traum war da. Doch mit dem Freund war auch das gemeinsame Büro futsch. Marion stolpert über Erinnerungen. Und kommt nicht mehr ganz auf die Füße. Verkörpert von sechs Schauspielerinnen (Gabriela Hiti, Eva Hofer, Elisabeth Holzmeister, Pia Hierzegger, Juliette Eröd, Martina Zinner), die der Anti-Heldin unterschiedliche Färbungen geben. Sind doch auch die Texte mal pointiert, böse und witzig, mal resignierend. Die Monologe bettet das Regie-Duo Ed Hauswirth & Monika Klengel mit sparsamen Mitteln in Bildassoziationen, ausgehend von den Aufzeichnungen der Stadtschreiberin Barbara Markovic, die die Informationswut auf Plätzen abschrieb - live unterlegt vom wunderbaren Multi-Instrumentalisten Imre Lichtenberger-Bozoki. Da kann auch plötzlich die am Glas nippende Gesellschaft des Aiola Upstairs im Raum stehen.
"Graz ist immer so gleich - und das ist auch das Schöne", heißt es. Und sehen zu, wie eine in dieser schönen Stadt fällt.
CHRISTIAN UDE, Kleine Zeitung, 21.4.2012


Alfred Döblin wär´entzückt
Theater im Bahnhof: "Graz Alexanderplatz" - MARTIN BEHR
GRAZ (SN). Berlin oder Franz Biberkopf, Graz oder Marion Schreiner. So wie die Hauptfigur in Alfred Döblins formal grenzgängerischen Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" liegt die Architektin Marion Schreiner im Clinch mit ihrer unmittelbaren Umgebung. Berufliche Verletzungen, Ausbeutung in der Beziehung, kurzum: permanentes Sich-nicht-verstanden-Fühlen, und das in einer Stadt, die mehr Provinz denn Metropole ist, die nicht einmal einen Alexanderplatz hat. Das Grazer Theater im Bahnhof (TiB), diese mobile Eingreiftruppe in allen Fragen zeitgenössischen Volkstheateres, hat auf Döblins Vorlage aufbauend, ein Projekt über die Gefahr des Untergangs eines Individuums in der Masse realisiert.
"Graz Alexanderplatz" uraufgeführt am Freitag in der Schloßbergkaverne "Dom im Berg", beginnt mit Stadtbeschreibungen der aktuellen Grazer Stadtschreiberin Barbi Markovic. Die Autorin dokumentiert das Lesbare im öffentlichen Raum, viele Verbote, viel Reklame, Plakattexte, etliche Baumpatenschaften und Angebote; "Horhaut entfernen 13,50". Hornahut hat sich Marion Schreiner zu wenig wachsen lassen, sonst hätte sie das unhonorierte Zuarbeiten zu ihrem Mann wohl länger ertragen. Die Langzeitbeziehung ist zerbrochen, jetzt vertraut die Grazerin auf One-Night-Stands.

Dem Regie-Duo Ed Hauswirth und Monika Klengel glückt ein an- und abschwellender Aufbau aus sarkastisch-bedrückenden Monologen (Pia Hierzegger), launigem Tanz-Reenactment, aus verbalen und szenisch geschickt umgesetzten Stadtbeobachtungen, rührenden Versuchen über das Nicht-wegwerfen-Können sowie einer aktionistischen Blasenentleerung. Elf Akteure erzählen die Geschichte von der subjektiven Tragik im kollektiven Gefüge. Alfred Döblin wäre entzückt.

MARTIN BEHR, Salzburger Nachrichten, 23. April 2012


Das Theater im Bahnhof schenkt Graz einen eigenen Alexanderplatz
KRITIK: HERMANN GÖTZ

In der Popkultur gibt´s so was öfter: dass Musiker nach experimentellen Arbeiten zur simplen Songstruktur finden und dabei die schönsten Kleinode hinzaubern, einfache Erzählungen, veredelt durch leisere Störgeräusche. Ahnliches ist dem Tehater im Bahnhof mit "Graz Alexanderplatz" gelungen. Im düsteren Rahmen des Dom  im Berg  üpräsentiert das beinahe vollständige Ensemble Pia Hierzeggers Story einer Frau,die,  frei nach Vorlage von Alfred Döblins Berlin-Roman, am Leben scheitert. Zum Einsatz kommt das umfassende Ausdrucksrepertoire des TiB, stets zwischen lakonischer Komik und der Bereitschaft positioniert, sich selbst bloßzustellen. Den Sound dazu liefert Imre Lichtenberger-Bozoki. Es wird die halbe Stadt buchstabiert, unbeholfen getanzt und virtuos um die Wette uriniert. In kleinen solistischen Einlagen zelebriert das TiB die Kunst der Themenverfehlung. Doch im Zentrum der von Ed. Hauswirth und Monika Klengel inszenierten Arbeit bleibt die schlichte Geschichte: Eine Frau versumpert, von Männern ausgenutzt, zwischen One-Night-Stands, Armut und Alkohol, bis sie aufgibt. Die ungewohnte Härte und Traurigkeit des Plots bestimmt auch das Tempo dieses Abends, der sich sehr ruhig entfaltet. Die Langsamkeit kann langwierig werden, aber auch das hat System. Das sichtbare Ergebnis des TiB-Projektes ist weit entfernt von der monumentalen Komplexität, die Döblins Roman berühmt gemacht hat. Aber es erzählt dennoch sehr viel über die dramatischen Mittel und Möglichkeiten zeitgemäßer Unterhaltung. Schönes melancholisches Theater, das gut zum Wintermotto des TiB gepasst hätte: "Warm anziehen!"

HERMANN GÖTZ, Falter 17/12 - 27.4.-3.5.2012