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FERNLIEBE

Ideales Hobby für die Fernbeziehung 21. Jänner 2013,

Gabriela Hiti tanzt gleich Tango: "Fernliebe" im Theater im Bahnhof in Graz

 

Ein Grazer Tango-Club ist Spielort und Schauplatz der neuen Performance des Theater im Bahnhof (TiB). In der Garderobe ziehen die Zuschauer ihre Schuhe aus, um den Tanzboden zu schonen. Schauspieler und Koautor Rupert Lehofer erklärt alsbald das Wesen des Tango. Die Furcht sich festzulegen, lässt jeden seiner Sätze zerfallen, während Lorenz Kabas auf der Gitarre spielt und Volver singt, den bekanntesten Tango von Carlos Gardel. Draußen fahren Autos und gehen Menschen vorbei. Aus dem ehemaligen Geschäft schaut man durch die Schaufenster hinaus auf die abendliche Brückenkopfgasse. Drinnen, in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert, wird Tango getanzt. Die Zuschauer blicken über die drei Schauspieler hinweg auf die Gasse, der Raum spielt mit. Zwei Männer und eine Frau bringt der Tango zusammen. Während sie mit Licht, Musik, Videos und Jause hantieren, erzählen sie von sich. Von der Arbeit, die einen in Graz festhält, von der Fahrt nach Wien zum Partner, vom Älterwerden. Und dass Tangotanzen ein perfektes Hobby für jemanden in einer Fernbeziehung oder langjährigen Ehe ist. Wie beim Tango selbst geht es auch in Fernliebe um Nähe und Ferne. Die dramatische Miniatur erzählt von der Sehnsucht nach dem Leben. Und drückt dies im Tanz aus. Und es wäre nicht das TiB, wenn die zwei Tangos, bei denen sich die Tanzpartner wider alle Absichten näherkommen, nun perfekt wären. Nein, sie müssen ein wenig dilettantisch sein, mit Fehlern und Unzulänglichkeiten. Das ist die Kunstsprache, die das TiB von jeher konsequent durchhält. Unentschlossen der eine, wortreich der andere, mutig die dritte. Sie ist es, die sich beim Tanzen ihrer Gefühle bewusst wird und die Initiative ergreift, was zu einer überraschenden Reaktion führt.

 


Nicht einsam, nur alleine "Fernliebe": TiB-Trio tanzt Tango und tröstet einander humorvoll.

Gefühlstransport mittels Tango: "Fernliebe" des TiB  - GRAZ.

 

Frontscheinwerfer blenden, Autos rauschen vorüber, Menschen passieren die Fensterfront, verwundert - drinnen sitzen die Zuseher in Patschen, aufgefädelt in Reihen mit schwenkendem Tennistribünenblick. Eines vorweg: Eine bessere Location als die Tango-Baustelle von Holger und Vesna Srnovcek-Bock in der Grazer Brückenkopfgasse/Ecke Schiffgasse hätte das Theater im Bahnhof (TiB) für ihre Performance "Fernliebe" nicht finden können. Das Spiel rückt dort einerseits nah an die Stadt und ihre Bewohner, andererseits trennt sie das Glas, so einsichtig es auch ist. Irgendwann fällt der Satz: "Ich bin nicht einsam, nur alleine." Und das beschreibt das Thema des Abends treffend: Fernbeziehungen, die Differenz zwischen Arbeits- und Liebesort, die Kosten und vor allem die Sehnsucht nach dem Partner oder der Partnerin, die man zwar hat, aber eben nicht in der gleichen Stadt. Gabriela Hiti und Rupert Lehofer, die schon für "Warm anziehen" 2008 erste Tangoschritte wagten, haben den genialen Musiker Lorenz Kabas mit ins Boot geholt. Auf seiner Akustikgitarre liefert er die Musik für einen sinnlichen, persönlichen, äußerst unterhaltsamen und kurzweiligen Abend. Witzig: Als Kabas davon singt, welche Dinge Fernliebende doppelt haben. Drei Menschen mittleren Alters erzählen, zwei davon pendeln (wie im echten Leben auch) der Liebe wegen nach Wien, eine lebt mit dem Vater ihrer Kinder zusammen. Tango getanzt, sich damit übers Alleinsein hinweggetröstet und über dessen Erotik nachgedacht wird auch. Als der Tango Gefühle heraufbeschwört, wird der Tanz abgebrochen. Davor verlagert sich das Geschehen auf fabelhafte Art jedoch wirklich nach draußen. Das Publikum rückt an die Stadt. Trotz der Komik schwingt Sehnsucht und ein bisschen Traurigkeit mit. Hingehen!