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EUROPA! EUROPA! Vorberichte

Fotos: Johannes Gellner


Kleine Zeitung: WERNER KRAUSE, 10.03.2009 13:43

Das Theater im Bahnhof inszeniert EU-VertragInspiriert durch die "Afrika! Afrika!"-Show von André Heller wagt sich auch das Grazer TiB auf Neuland. Und startet zur Expedition in einen unbekannten Kontinent: Europa. 
Seit fast sechs Jahren hat sich das glorreiche Ensemble vom Grazer Theater im Bahnhof in fast voller verbaler Schlagkraft und mit dick geschnürten Bündeln an unkonventionellen Ideen wieder zusammengetan. Verwunderlich ist das nicht, denn die Herausforderung ist groß und die Konkurrenz fast übermächtig. Angespornt durch die Erfolge, aber auch die Entwicklungshilfe, die André Heller mit seiner "Afrika!Afrika!"-Show bietet, soll nun auch der weitgehend unbekannte Kontinent Europa, der immer wieder Rätsel aufgibt, einem breiteren Publikum vertraut gemacht werden. Vertrag von Lissabon als Vorlage. Als Stückvorlage dient der Vertrag von Lissabon, ein Konvolut von rund 300 Seiten, ungefähr so leicht lesbar wie "Finnegans Wake" von James Joyce in der Originalversion. Dramaturgisch bearbeitet wurde der Text von Rupert Lehhofer, inszeniert wird er von Ed Hauswirth und Helmut Köpping. Die Kleine Zeitung bat das Duo um einige aufhellendere Erläuterungen. Paralellen zur Afrika-Show. Geboten werden soll, so Helmut Köpping, "ein sinnlicher Abend über einen Kontinent", mit deutlichen Parallelen zur Afrika-Show. Also mit viel Akrobatik und Varieté, wobei sich notgedrungen auch Tücken ergeben könnten. "Natürlich verfügen unsere Akteure nicht über jene artistischen Fähigkeiten von Manegenstars, aber das wird ja auch gar nicht angestrebt", erklären die beiden. - Was aber dann? Vertrags-Kunstwerk. "Wir wollen den Vertrag als Kunstwerk präsentieren. Jedes Kunstwerk birgt auch die Gefahr des Scheiterns in sich." Aus dem massiven Textbrocken werden einige Prunkexemplare herausgeholt, dargeboten in zwölf Sequenzen, öfters flankiert durch Kommentare aus dem Off. "Eine der Kernfragen lautete, ob und wie man dieses Werk überhaupt in eine Theatersprache übersetzen kann" (Hauswirth) - dabei wird auch die Gebärdensprache eine wesentliche Rolle spielen. Skurrilitäten. Es wäre nicht das TiB, hätte man bei der Bühnenversion nicht auch aus Skurrilitäten aus diesem Paragraphen-Dschungel hervorgezerrt ("Es kann also durchaus sein, dass die Besucher auch lachen müssen"), dennoch steckt auch ein ernsterer Hintergrund in diesem Akt ohne Netz. Pioniertat. "Es handelt sich ja um einen enorm wichtigen Text, der unmittelbare Auswirkungen auf uns und unsere Zukunft hat. Das unterscheidet ihn völlig von üblichen Stücktexten", meint das kongeniale Regie-Duo, das in jedem Fall noch eine Pioniertat für sich reklamieren kann. Derzeit steht ja noch nicht fest, ob der Vertrag jemals in Kraft tritt - das TiB hat ihn umgesetzt! Mit allen bekannten und daher virtuosen Mitteln, mitten im fernen Europa


Gespräch THOMAS WOLKINGER/ FALTER 10/09
Falter: ?Europa! Europa!? ? da klingt eine gewisse Euphorie durch, oder? Vor allem wenn man den Titel mit Jürgen Habermas letztes Jahr erschienenen Schriftensammlung ?Ach, Europa? vergleicht.
Pia Hierzegger: Als damals ?Arika! Afrika!? in Wien Premiere hatte, war die ganze Stadt mit Plakaten zugekleistert. Und aus André Hellers Behauptung, mit diesem Abend den ganzen Kontinent zu erzählen, entstand die Idee, dass man das doch auch mit Europa machen könnte. Von Rupert Lehofer kam dann die Idee, den Vertrag von Lissabon als Basis zu nehmen, der überhaupt nicht euphorisch sondern sehr trocken klingt.
Was unterscheidet euren Zugang von ?Afrika! Afrika!??
Pia Hierzegger: Ich glaube, dass bei uns Einfachheit wichtiger ist. Bei Heller habe ich immer das Gefühl, da ist viel Geld dahinter. Wir haben auch kein Zirkuszelt.
Ist die Grundhaltung nun euphorisch?
Rupert Lehofer: Wir nehmen keine Position ein, wo wir sagen, ob Europa richtig läuft oder falsch. Wir sind weit davon entfernt, eine Kritik an der EU oder am Vertrag von Lissabon zu formulieren. Dazu sind wir nicht angetreten. Auch nicht, um den Vertrag zu verarschen. Es geht nicht einmal darum, ob er, was Habermas diskutiert, gut kommuniziert ist. Sondern darum, den Vertrag in seinem Sein ? er existiert nun einmal ? wahrzunehmen. Wir nehmen den Vertrag von Lissabon wahr. Das heißt nicht, dass nicht jeder Einzelne von uns eine Meinung dazu hat.
Die spielt keine Rolle?
Rupert Lehofer: Mir ist schon in der Schule total auf die Nerven gegangen, wenn die Lehrer, die auf uns getroffen sind, damit begonnen haben zu erklären, welche Positionen man zu einem Thema einnehmen kann. Noch bevor sie uns etwas wahrnehmen haben lassen. Ich habe den Vertragstext jetzt intensiv gelesen, die anderen im Theater auch. Und man ist bass erstaunt, dass man ihn erstens lesen kann, dass man ihn zweitens versteht, und dass es phasenweise sogar Spaß macht. Um diese Wahrnehmung geht es uns. Dass ich persönlich bei einem Referendum mit ?Ja? stimmen würde, ist ein ganz anderes Thema.
Auf deutschsprachigen Bühnen stehen gerade Inszenierungen von Romanstoffen hoch im Kurs. Vertragstexte sind eher die Ausnahme.
Ed Hauswirth: Es gibt bei uns im Theater eine Kultur der gemeinsamen Reflexion. Da schauen wir zurück auf die Dinge, die waren und andererseits darauf, was der nächste Schritt sein könnte. In diesem Fall war es Pia Hierzeggers Idee und Rupert Lehofers Reflex darauf, mit dem Vertrag zu arbeiten. Das hat so etwas wie ein evidentes Bild gegeben: Wir hatten das Gefühl, dass es der richtige Ausgangspunkt für eine Expedition sein könnte, ohne im ersten Augenblick zu wissen, wie wir das machen sollen. Zugleich gab es den Wunsch, im großen Ensemble zu arbeiten.
Und hat der Text gehalten, was die Evidenz versprochen hat?
Monika Klengel: Das Verblüffende beim Lesen ist, dass das Vorurteil sehr schnell widerlegt ist, dass man den Vertrag nicht versteht. Vor allem die Anfänge der Kapitel sind in sehr klarer Sprache formuliert. Meine Lieblingspassage ist die Präambel...
?, die mit ?Seine Majestät der König der Belgier? beginnt...,
Monika Klengel: ? aber weniger, weil man merkt, wie viele Königinnen und Könige es noch in Europa gibt, was mich auch verblüfft hat. Sondern weil darin schon auch so ein utopischer Entwurf des Zusammenlebens in Frieden formuliert ist. Mit Phrasen wie ?In dem Wunsch? oder ?Schöpfend aus? oder ?In dem festen Willen?.
Mir hat auch das Protokoll über die Erdölverarbeitung auf den Antillen gefallen.
Rupert Lehofer: Damit fängt man natürlich an. Es gibt sehr skurrile Textpassagen. Dann aber auch die, die sich um das ganz Große kümmern: zwei Zeilen zum Binnenmarkt, einer der Kernsätze der EU. Die Antillen und das Öl brauchen eineinhalb Seiten. Mir gefällt sehr gut, dass der Vertrag in den meisten Fällen sehr klar ist und sagt: Das will ich.
Dem Text ist ja auch eine gewisse Tragik eingeschrieben, weil unklar ist, ob er nach dem ersten ?Nein? der Iren überhaupt in Kraft treten wird.
Helmut Köpping: Das Tragische ist immer ein gutes dramatisches Motiv. Das Scheitern, das Nichtgelingen erzählt viel über die, die etwas zu erreichen versuchen. Wir wollen diesen Prozess über Kunststücke abbilden. Auch in Kunststücken gibt es das Bestreben der Künstlerinnen etwas zu erreichen. Sie treten vielleicht mit einer Vision an, etwas zu schaffen, was Erstaunen hervorruft. Auch bei uns gibt es verschiedene Visionen, unterschiedliche Grade des Scheiterns. Da bildet sich das Große im Kleinen wieder ab.
Auf Gelingen ist es nicht angelegt?
Helmut Köpping: Ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass unter dem Abend schlummert, dass da eine Gruppe ist, die will, dass etwas gelingt, und dabei in Kauf nimmt, dass etwas scheitert.
Der Verfassungsprozess hat der EU eine Krise beschert. Testet ihr mit dem Stoff auch eure eigene Konstitution?
Helmut Köpping: Wir lassen das Eine auf das Andere treffen. Wir machen die Arbeit aber nicht um draufzukommen, wo wir selbst stehen.
Ed Hauswirth: Wir haben für das Projekt auch einen eigenen Probenprozess überlegt, das Ensemble in mehrere Gruppen aufgeteilt, die einander jeden Freitag einen Zwischenstand präsentieren. Dazwischen arbeiten die Gruppen autark, schreiben darüber aber Protokolle. Die verlesen wir einander dann, ohne zu verraten, was wir eigentlich machen. Diese Protokolle werden  in kurzen Zitaten auch in der Aufführung vorkommen. Weniger um über uns zu reflektieren, sondern um diesen Probenprozess als Metapher für den Einigungsprozess einzusetzen.
Helmut Köpping: Das besondere ist auch, dass wir im Gesamtensemble arbeiten, mit fast allen Schauspielern und dass Ed Hauswirth und ich gemeinsam Regie machen. Es gibt den Wunsch, das gemeinsam zu erzählen. ?In dem Wunsch?, gemeinsam...
Monika Klengel: ? gemeinsam unter Achtung der Geschichte und der Traditionen....
Ed Hauswirth: ...und schöpfend aus der Energie des Ensembles die Individualität zu stärken...
Monika Klengel: Schon, man könnte so eine Präambel relativ leicht formulieren.
Gibt?s nicht eine weitere Parallele zwischen Theater und dem EU-Prozess, der auch von Habermas als elitär kritisiert wird? Läuft nicht auch Theater immer Gefahr, ein Elitenprojekt zu sein?
Helmut Köpping: Wenn wir André Heller da als Inspiration nehmen: Wenn Heller einen Abend über einen Kontinent macht, will er dazu alle einladen. Wir wollen das auch. Wir wollen, dass die Arbeit sinnlich erfahrbar ist und eigentlich sehr leicht daherkommt. Ich muss als Zuseher also nicht befürchten, dass ich nur mit Matura durch den Abend komme. Die Zuseher sollen das Gefühl haben, dass sie mitgehen können. Das funktioniert durch die grundsätzliche Behauptung, dass wir Kunststücke machen. Wir zeigen ja auch verschiedene Kunststücke, die unterschiedlich nahe mit dem Vertrag assoziiert sind...
Nur ohne Schlangenmenschen...
Monika Klengel: Richtig, wir machen europäische Kunststücke.
Zum Beispiel?
Ed Hauswirth: Zum Beispiel Kopfspiel statt Schlangenmensch, Mindgames. Es gibt ein Stück von Jacob Banigan und Beatrix Brunschko, das ?Mentale Begegnung?, ?mental connection? heißt.
Monika Klengel: Eigentlich machen wir Varieté, ein ziemlich strenges.
Helmut Köpping: Der Abend hat auch diesen Rhythmus, eine Nummer nach der anderen, verbunden durch eine Moderationsstimme aus dem Off, die durchführt und erklärt. Da kann man sich einfach zurücklehnen und genießen, wie es denen damit geht, kann seine eigenen Assoziation entstehen lassen. Eigentlich bildet sich das Komplexe auch in so einem Vorgang ab ? man schaut, was passiert, wenn man den Vertrag ernst öffnet und ihm Platz gibt.
Wie kommt das Sinnliche ins Spiel?
Helmut Köpping: Indem der Zuseher merkt, die Künstlerinnen und Künstler sind ungefähr auf seinem eigenen Level. Heller trickst ja immer insofern, als er sagt: Die Phantasie ist unser aller Reich. Aber eigentlich siehst du: Das kann ich nie! Zuerst sagt er: Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Aber dann formuliert er sie.
Rupert Lehofer: ?Hab´ Phantasie!? Dann kommt der Nebel, und alle sind mit Federn verkleidet...
Pia Hierzegger: Bei einer Probe hatten wir eine Schulklasse zu Gast. Es war faszinierend, dass die Schüler kein einziges Mal gefragt haben, warum wir ein Stück über den Vertrag von Lissabon machen. Sie haben das einfach genommen.
Wie beim Hellerschen Staunen...
Helmut Köpping: Aber ohne sein Diktat des Staunens.
Pia Hierzegger: Und ohne Exotismus. Wir sind dieselben wie im Publikum, wir stellen nicht das vor, was ganz fern ist. Vielleicht kann auch mal jemand mitmachen und ein eigenes europäisches Kunststück vorführen.
Die Europahymne und die Flagge hätten ja ursprünglich zentral in der Verfassung stehen sollen. Im Vertrag von Lissabon fehlen sie. Wie füllt ihr diese Leerstelle?
Ed Hauswirth: Einerseits gibt es einen eigenen Soundtrack, außerdem ein Chor- und ein Bandmoment. Auch da geht es darum, etwas gemeinsam herzustellen, unter schwierigen Voraussetzungen. Die Vorgabe war, dass alle Schauspieler eine Instrument spielen, auch wenn sie keines gelernt haben. Und der Chor singt ein dalmatinisches Volkslied.
Helmut Köpping: Es tauchen verschiedene Sprachen auf, wir verwenden Gebärdenübersetzung. Das Thema Übersetzen ? im Sinne des Verstehens einer anderen Sprache, aber auch als Prozess, etwas von einer Bühne zum Publikum zu übersetzen ? schwingt da motivisch mit.
Ed Hauswirth: Ein weiterer Aspekt des Textes ist, dass er eine starke Relevanz hat, weil er sich auf unser Leben auswirken wird. Er hat ein direktes Handlungsmotiv. Lustigerweise sind das die Texte, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt. Man bewegt sich durch diesen Text, der keine Handlung an sich hat. Aber er handelt. Außerdem hat er, was oft in Stücken angelegt ist, eine große Absicht.
Warum gibt es im TiB diese Skepsis gegenüber herkömmlichen Theatertexten?
Monika Klengel: Es ist nicht so, dass wir dramatische Texte nicht mehr mögen, sondern eher, dass in den letzten Jahren eine Gleichwertigkeit entstanden ist. Es kann eine Gebrauchsanweisung genau so viel hergeben, wie eine Tennessee Williams-Szene. Oder ein Porno. Oder ein philosophischer Text. Texte spielen eine große Rolle, aber die Auswahl ist breiter geworden.
In der Ankündigung von ?Europa! Europa!? steht der Satz: ?Sie gehen garantiert klüger nach Hause!? Ist das ein Bekenntnis zu einem aufklärerischen Theater?
Chor: Ja!
Ganz ohne Ironie?
Helmut Köpping: Es wäre langweilig, würde man zu stark in eine ironische Geste gehen. Den EU-Vertrag ernst nehmen, heißt aber nicht, dass es nicht auch zum Lachen sein kann. Lachen ist ja immer auch eine Erschütterung, eine Betroffenheit.
Ed Hauswirth: Würden wir den Vertrag parodieren, würden wir eine Komplizenschaft mit dem Publikum gegenüber dem Vertrag herstellen. Wir versuchen stattdessen, eine Zeugenschaft herzustellen. Man versammelt sich real, um eine Versuchsanordnung durchzuführen. Das trifft auf viele unserer Arbeiten zu. An diesem Abend ist das eben das Heller-Format. Aber wir spielen nicht lauter absichtlich gescheiterte Kunststücke. Um zu zeigen, wie gescheit wir sind, weil wir ja wissen, dass das ja eigentlich nicht gehen kann. Und ihr wisst´s das auch ? sind wir zusammen gescheit. Sondern wir versuchen, etwas sehr ernst durchzuziehen. Um zu schauen, ob wir einen Moment lang wirklich zaubern können