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EUROPA! EUROPA! Kritiken

 


THOMAS WOLKINGER - FALTER 10/09
Hui, Europa! Ein Kunststück im Kollektiv.
Gäbe es in der laufenden politischen Berichterstattung einen Kommentator von der Qualität eines Helmut Köpping, man müsste sich um die Politikverdrossenheit der EU-Bürger nicht die geringste Sorge machen. Mit samtiger Stimme aus dem Off führt Köpping, vorgestellt als "ehemaliger Künstlerischer Leiter von Begnadete Körper" und zweifacher Vater, ebenso sinnig wie gewitzt durch das Nummernvarieté "Europa! Europa!" des Theater im Bahnhof (Regie: Köpping und Ed Hauswirth), das sich nichts weniger vorgenommen hat, als zum "ästhetischen Kern des Vertrages von Lissabon" vorzustoßen. In elf Kunststücken - vorgeblich wurden 143 einstudiert, die "Auswahl" erfolgt per Losentscheid - nähert sich das TiB diesem Text, der als sperrig gilt, und verhandelt gleich eine ganze Reihe weiterer Fragen mit.  Was könnte europäische identität jenseits von Beamtenfloskeln und Eurovisionsfolklore bedeuten? Wie werden Entscheidungen in komplexen Kollektiven getroffen - in einem EU-Ministerrat, in einem Theaterensemble? Und wie lassen die sich allgemein verständlich übersetzen - für das Volk, das Publikum? Das TiB gibt keine Antworten, nähert sich diesen Fragen vielmehr auf denkbar sinnliche Weise, spielt mit den Mitteln des Zauber,- und des Boulevardtheaters ebenso wie mit Sprachjonglagen, Clownerie-, Chor- oder Stand-up-Elementen und bleibt dabei atmosphärisch ganz nah an den Höhen und Tiefen des Lissabon-Vertrags.   der ist ja auch nicht nur witzig-skurril, sondern streckenweise auch ganz schön fad. Ein Höhepunkt: das liebevoll ohnmächtige Tanzsolo, in das sich Tatjana Vaidera, die "Textilhandelskauffrau aus Riga" (Monika Klengel), nach ihrem mit Gitarrenspiel unnterlegten "Binnenmarkt"-Vortrag flüchtet. Großes, europäisches Volkstheater.


KLEINE ZEITUNG, Elisabeth Willgruber-Spitz 12.03.2009 19:42

Theater im Bahnhof inszenierte EU-Vertrag

Die EU, wie sie singt und lacht: Mit der Volksbildungsshow "Europa! Europa!" ist dem Theater im Bahnhof wieder ein Geniestreich gelungen.
Die ganze Welt ist ein einziger Zirkus. Das weiß nicht nur André Heller, dessen Show "Afrika! Afrika!" den schwarzen Erdteil näher bringen möchte. Jetzt rückt ihm das Theater im Bahnhof nach und den "einzigen Kontinent ohne klare Umrisse, wo man nicht weiß, wo er aufhört" ins Zentrum einer schrägen Nummernrevue. Ausgangspunkt ist Lissabon, konkret der "ästhetische Kern des Vertrags von Lissabon".
Spaßfaktor. Gründliche Recherchen und Volksbildungsauftrag mit Spaßfaktor halten sich unter der Regie von Ed. Hauswirth und Helmut Köpping, der noch seine Moderation aus dem Off zum Erlebnis macht, die Waage bei den Jonglierkünsten von Justitia. Wenn dann zwischen Juristendeutsch Textzitate auf Bulgarisch, Gälisch oder Türkisch eingestreut werden, bleibt kein Auge trocken im Orpheum. "Europa! Europa!" wie es singt und lacht.
Brillanter TiB-Chor. Der brillante TiB-Chor hat auf jeden Fall das Zeug zum Song Contest. Eurovisionär sind auch das in Absinth gemessene Abstimmungsergebnis der EU-Mitgliedsstaaten mit Drink-Master Lorenz Kabas, Fisch-Weitwerfen der 1985 aus der Union ausgetretenen Grönländer und das akrobatische Philosophen-Gerangel.


Beate Frakele / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2009
Theater um den Vertrag von LissabonDas Theater im Bahnhof mit "Europa! Europa!" im Grazer OrpheumGraz

Die Idee ist so originell wie typisch für das Theater im Bahnhof. In zwölf zufällig ausgewählten Szenen "spielt" die vollzählig angetretene Truppe - den Vertrag von Lissabon. Unter der Regie von Ed Hauswirth und Helmut Köpping und in der Dramaturgie von Rupert Lehofer wird "der wichtigste Gesetzestext Europas" in Theatersprache übersetzt. Dazu gehören, ja, die bildkräftige Gebärdensprache, aber auch denkbar skurrile Momente, die die Unmöglichkeit der Durchführung - des Projekts? des Vertrags? - sinnfällig machen.
Es geht wie immer und überall um Überforderung, Scheitern im Alltag und eben auch um die Komik, die dabei entsteht. Das TiB nimmt dabei Maß an den "gewöhnlichen Menschen" , die sich mit Europa auseinander setzen und sich den Vertrag zu eigen machen (oder auch nicht).Wir wissen ja noch nicht, ob das komplizierte Vertragswerk je zum Tragen kommt; doch zumindest durch die Mittel, die das TiB so virtuos beherrscht, wird Lissabon schon jetzt wirksam. Mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung werden die darin beschworenen Werte der Demokratie und Solidarität, die Bürger- und Grundrechte auf ihre Umsetzung in der Praxis abgeklopft.
Der ästhetische Kern dieses im Grunde tragischen Materials liegt in der Sprachanstrengung und heißt Babylon, Gebärde, Klang und Show. Europa! Europa! ist die kritische Antwort auf jene Megashow, die Akrobaten eines anderen Kontinents auf Augenhöhe mit Europa bringen sollte, wie die gepflegte Stimme des melancholischen Kommentators aus dem Off dem Publikum bedeutet.Angeblich sind 143 (!) Sequenzen vorbereitet, pro Abend werden zwölf gezogen, das TiB bleibt also seiner Improvisationskunst treu. Textpassagen aus dem Vertrag werden in verheißungsvollem (Der Binnenmarkt) oder resignierendem (Die Rechte älterer Menschen) Ton vorgetragen, mit lustiger Musikbegleitung (Verteidigungspolitik) in Gebärdensprache oder als dramatisierte Szenen.Bizarr die Darstellung der Abstimmungsverhältnisse in der EU mit Soletti (16 für Österreich, 164 für Deutschland) und Absinth oder Changes, der von keinen Veränderungen kündende Auftritt einer finnischen Fabrikarbeiterin.
Die Clowns Enzensberger, Habermas und ?i?ek fungieren als Assistenten, als ungeschlachte Akrobaten und philosophische Narren. Beim Premierenpublikum sprang der Funke (noch) nicht über, doch ist das Format übergreifend angelegt - und vielfach bereits ausverkauft.


MARTIN BEHR GRAZ (SN). 
Das Grazer "Theater im Bahnhof" thematisiert in ?Europa! Europa!? den Vertrag von Lissabon ? Revue in Anspielung an André-Heller-Tour. Manege frei für die Sonderregelung für Grönland
Es ist ein Grillfest mit Hindernissen: Das Aussehen der Personen wechselt rasant, die Kleidung auch, alles ist in Veränderung. Rauchend quillt eine Riesenwurstaus dem Topf, die handfeste Volkstheatermagie animiert zum Schmunzeln. ?Changes? lautet der Titel dieses vom Grazer "Theater im Bahnhof" (TiB) auf die Bühne gebrachten Kunststücks. Eines von vielen. 143 Kunststücke hat die steirische Off-Theatergruppe (angeblich)eingelernt, ein Dutzend werden in der Nummernrevue "Europa!Europa!" aufgeführt, die am Mittwochabend in Graz Premiere hatte. Während André Heller mit "Afrika! Afrika!" Staunen über Sinnlichkeit und Kreativität eines Kontinents verordnet, will das TiB die Dramatik eines weithin unbekannten Grundsatztextes über Europa, den Vertrag von Lissabon,verdeutlichen. "Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, unterzeichnet in Lissabonam 13. Dezember 2007", lautet die offizielle Diktion. Damit macht die knochentrockene Bürokratie schon einen ersten Handstand. Klar, korrekt, europäisch.Jeder Text ist spielbar. Getreu der These, dass jeder Text theaterwürdig und spielbar sei, fokussiert das Regieduo Ed Hauswirth und Helmut Köpping ausgewählte Artikel und illustriert deren Inhalte mit theatralischen Mitteln. Die Bühnensprache ist mitunter ebenso sperrig und gestelzt wie die der Textvorlage. In anderen Sequenzen werden Grundsatzerklärungen in launigen Metaphern erzählt. Manege frei für die bewusst holprig verkündete Präambel, für die (witzig umgesetzte)Sonderregelung für Grönland oder für mit Slapstick garnierte "Selbstentscheidung der Länder über genmanipuliertes Saatgut! In Kunststücken wie der herbaggressiven "Mental Connection" gelingt die Visualisierung des bilateralen (Gedanken-)Austauschesvorzüglich, bisweilen bleibt das TiB aber zu nahe am Vertragstext. In diesen Momenten erscheint das Amüsement über gesungene odervertrackt rezitierte Vertragspassagen zu eindimensional, zu kraftlos,zu platt. Hier gerät auch derselbst behauptete Anspruch, den Vertrag nicht verhöhnen, sondern vermitteln zu wollen, ins Wanken. Reizvoll hingegen ist der über die Revue gelegte Kommentar aus dem Off (Helmut Köpping), der Erinnerungen an Songcontestübertragungen von Ernst Grissemann weckt. Und wenn Nichtakrobaten (Pia Hierzegger, JulietteEröd, Rupert Lehofer) etwa inder Philosophen-Clownnummer als Zizek, Habermas und Enzensbergeran ihre körperliche Grenzen gehen, dann ist dies ein Symbol für das Wollen und die Gefahrdes Scheiterns im Haus Europa .Dem vielen nur als Schlagwortexistenten Vertragstext ein Gesicht zu geben, das ist das Spannende am neuen, nicht ganz ausgegorenen TiB-Projekt. Das Fremde, das Utopische wird erlebbar. Mit "Europa! Europa!" werden die Grazer heuer auch in Düsseldorf und Wien gastieren.