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DIE MÜTTER

KLEINE ZEITUNG - Interview von Werner Krause


"Die Mütter: Superheldinnen auf Zeit"

Das Grazer TiB bringt das Stück "Die Mütter" zur Welt. Insgesamt sind es fünf, haben Kinder im Alter zwischen 13 und 18 Jahren und befinden sich also in einer Phase der Loslösung. Mit Selbstironie.
Identitätsspiele: Die Tib-Akteurinnen schlüpfen in "Die Mütter" auch in die Rollen ihrer eigenen Kinder

 

Frau Klengel, die nächste, von Ihnen inszenierte Theater-im-Bahnhof Produktion "Die Mütter" wird avisiert als schaurig-komisches Kammerspiel. Könnten Sie das ein wenig näher erläutern?

 

MONIKA KLENGEL: Zuerst zur Ausgangslage: Alle Frauen, die auf der Bühne agieren, insgesamt sind es fünf, haben Kinder im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Sie befinden sich also in einer Phase der Loslösung, im Erwachsenenwerden. Eine sehr spannende Lebensphase also, für alle.

Worauf konzentrieren Sie sich dabei im Stück?

KLENGEL: Basis ist die Tatsache, dass die Kinder jetzt quasi hinausflattern bei der Tür. Um diesen Zustand geht es uns, der ist schaurig und komisch zugleich. Und dann haben wir nach einem modernen Mutterbild gesucht, danach, wie wir uns sehen, gerne sehen würden. Da sind wir auf den Begriff der Superheldinnen gekommen, mit dem wir uns intensiv beschäftigt haben.

Inspiriert auch durch die genialen Fotos von Cindy Sherman, die derlei Rollenspiele, Rollenwünsche oft sehr ironisch thematisiert?

KLENGEL: Genau. Dazu gab es natürlich auch intensive Gespräche mit unseren Kindern. Auf jeden Fall sind wir bei diesem Treffen auch ästhetisch und optisch sehr verändert. Jede von uns trägt markante Kostüme und Masken. Was soll die Essenz des Rollenspieles sein?

KLENGEL: Eigentlich ist das Stück ein Triptychon geworden. Es gibt den selbstironischen Superheldinnen-Teil, auch der aktuelle gesellschaftliche Druck, der auf Müttern lastet, wird thematisiert. Dann gibt es einen Teil über unsere eigenen Mütter und schließlich versuchen wir, in die Rolle unsere eigenen Kinder zu schlüpfen, wo wir also probieren wollen, so zu sein wie unser eigener Nachwuchs.

Der derzeitige politische Kindergarten spielt keine Rolle, oder?

KLENGEL: Nein. Darauf haben wir ebenso verzichtet wie auf persönliche Nabelschau. Die Expedition, die wir unternehmen, ist ja auch so groß genug.

Sollen sich auch Väter das Stück ansehen?

KLENGEL: Klar. Aber die kommen sowieso.

 

KRONENZEITUNG - Vorbericht und Interview  mit Robin Klengel von Christoph Hartner

Theater im Bahnhof : Drei Generationen im Gespräch über "Mütter" und Kinder
Was ist Glück? Welche Normen prägen uns? Und was macht eine gute Mutter
aus?
Robin Klengel hat Schauspielerinnen des TiB und deren Mütter und Kinder zu diesen Themen befragt. Das daraus entstandene Stück ist ab 31. Jänner in Graz zu sehen.
Vorstellungen vom Mutter-Dasein
Kurz bevor ihre Kinder das Erwachsenenalter erreichen und das Haus verlassen werden, wollen die Schauspielerinnen des Theater im Bahnhof das Leben als Mutter unter die Lupe nehmen. Dafür reflektieren sie nicht nur ihr Selbstbild auf der Bühne, sondern haben auch die eigenen Mütter und Kinder befragt: Welches Bild haben diese von ihnen? Und wie sieht es mit deren Lebensvorstellungen aus?
Kulturanthropologe Robin Klengel, Bruder von Regisseurin Monika, hat mit allen drei Generationen Interviews geführt und dabei große gesellschaftliche Veränderungen festgestellt: "Das Leben der Großmütter war stark durch die Vorgaben der Familie geprägt." Heirat statt Beruf war das gängige Motto. "Erst als die Kinder außer Haus waren, setzte ein Prozess der Emanzipation ein", erzählt er. Vielleicht war auch die auflehnende Haltung der eigenen Töchter ein Denkanstoß: "Es gab harte Auseinandersetzungen mit den Eltern, man wollte einen eigenen, freieren Lebensentwurf durchboxen." Dafür nahm man auch prekäre Arbeitsverhältnisse oder das Scheitern einer Beziehung in Kauf. "Im Nachhinein sind die Mütter stolz auf die Stärke der Töchter", so Klengel.
Eine Generation später gibt es solch heftige Auseinandersetzungen kaum noch: Die Kinder der TiB-Darstellerinnen sehen den Lebensentwurf ihrer Mütter sehr positiv, aber eben auch nicht unkritisch : "Sie haben zwar Ideale wie eine lebenslange Beziehung oder einen gutbezahlten Traumjob, sind sich aber auch bewusst, dass diese Ideale nur selten der Realität entsprechen und haben pragmatische Alternativen parat", schildert Klengel. Jede Generation lernt von der vorangegangenen, übernimmt manche Lebensmuster und grenzt sich von anderen -mal mehr und mal weniger vehement - ab.
Christoph Hartner

 

FALTER - Interview und Kritik von Hermann Götz

Szenen  sind nicht mehr verboten

Mit seiner neuen Produktion sucht das Grazer Theater im Bahnhof neue Umwege zu sich selbst.

Eigentlich ist es nur ein Szenenwechsel, für den die fünf Darstellerinnen in neue Kostüme schlüpfen. Doch sie tun das begleitet von einem Geplärre, wie es jeder kennt, der einmal Familie war. Und weil jeder schon einmal Familie war - wenn nicht als Erziehungsberechtigter, dann zumindest als Kind - finden sich hier genau alle wieder.
Das ist die Spezialität der Grazer Gruppe  Theater im Bahnhof (TiB). Zeitgenössisches Volkstheater nennen sie so was und die hohe Kunst daran ist, Menschen über sich selbst lachen zu machen - ganz ohne sie zu karikieren.
In seiner letzten Spielzeit hatte das erfolgreiche Off-Theater ein Stück für die Probebühne des Grazer Schauspielhauses entwickelt: "Lehrerzimmer 8020". Weil jeder Schule kennt  - wenn nicht als Lehrer, dann zumindest als Belehrter - musste die ebenso bösartige wie sensible Charakterstudie des titelgebenden Soziotops nach einer Reihe ausverkaufter Aufführungen ins große Haus verlegt werden. Dieses hat, selbst bei eingeschränkter Nutzung, mehr als 500 Plätze. Irgendwie hatten die TiB-Künstler das Kunststück vollbracht, den gerade wieder heiß diskutierten Lehrerstand so zu zeichnen, dass sich Angehörige wie Kritiker emotional voll verstanden fühlten.

Nun also Familie, genauer: "Die Mütter". Das zeitgenössische Volkstheater kommt damit den Menschen, die selbst auf der Bühne stehen, gefährlich nahe. Die TiB-Darstellerinnen Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer, und Monika Klengel sowie die dem Theater verbundene Journalistin Colette Schmidt haben alle Kinder, die langsam flügge werden. Schmidt thematisierte den Auszug ihrer ältesten Tochter unlängst in einer bewusst gefühlsbetonten Story für den Standard. ?Das Theaterstück geht einen anderen Weg. "Es interessiert mich nicht, mich als Mutter auf die Bühne zu stellen und nur mich persönlich zum Thema zu machen." Was Regisseurin Monika Klengel damit meint, wird schnell klar: "Ich mag keinen Monolog darüber halten, dass mein Sohn zu viel Internetgames spielt oder keine Hausübungen macht, über so etwas  reden wir Mütter im Kaffeehaus, ausreichend wahrscheinlich." Klengel engagierte ihren Bruder Robin, einen Kulturanthropologen, der aus neutraler Position Gruppengespräche mit den TiB-Müttern, deren Müttern und Kindern führte. Das anonymisierte Transskript dieser Sitzungen bildete die textliche Grundlage der Produktion. Sehr schlicht und respektvoll werden die Äußerungen der ältesten Generation präsentiert. Für den Part der Kinder durften die TiB-Mütter in deren Kleiderschränken wühlen, sie schlüpfen nicht in die Rollen, aber in das Gewand ihres Nachwuchses. Klengel: "Wir versuchen nicht, unsere Kinder zu spielen. Es genügen die Kostüme und die Festlegung einer sozialen Rollenverteilung. Dann läuft das von selbst." Die unprätentiöse aber doch freche Verkörperung dessen, was die eigenen Kinder so sagen, sorgt für die stärksten Momente des Stücks. Nicht zuletzt, weil es laut Klengel nicht einfach war, das Gesagte so stehen zu lassen: "Zuerst habe ich nicht gewusst, was ich mit diesem Material anfangen soll. Ich war schon verblüfft über den hohen Pragmatismus unserer Kinder."
Der riskanteste und deshalb wohl spannendste Teil der Arbeit  ist aber jener, in dem  die fünf Schauspielerinnen sich selbst verhandeln. Sie tun das auf einem Umweg. Auf der Folie der Picknick-Szene in Maxim Gorkis "Sommergästen" präsentieren die abrüstenden Mütter statt ihrer eigenen Geschichte eine große, traurig-fatalistische Suada abgehalfterter Helden: Polarforscher, Kriegsveteranen oder Einsiedler.  Eine Gesellschaft à la Gorki, die nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Für Klengel geht es dabei um die Selbstinszenierung von Müttern. Man habe ein ständiges Rechtfertigungsbedürfnis. Sich selbst gegenüber, dem Job gegenüber, den Kindern gegenüber. "Man muss sich immer ein bisschen erhöhen." Der theatrale Weg ins Heldenhafte habe also sehr viel mit Selbstironie zu tun.

Heldentum, angewandtes Präteritum und Theaterdeutsch:  Das alles liegt den TiB-Damen nicht so. Doch der Versuch, in einem Stück, das "die Mütter" heißt, die Mütter nicht zu spielen, sondern durch russisch inspirierte Heldengestalten zu ersetzen, bot Klengel auch eine Möglichkeit, "das ganze bekannte Repertoire an Off-Theater-Inszenierungs-Elementen", auf die schwarze Liste zu setzen. "Es war ja die letzten 10 Jahre lang verboten, Szenen zu spielen. Zumindest in dem Performance-Bereich, wo wir unterwegs sind. Es musste alles auf der Probe entstehen, superauthentisch sein. Ich hoffe, dass das zu Ende geht." Es sei, wie es sei. Laut der Rückmeldung der betroffenen Jugend, ist die Performance der TiB-Damen "echt ok". Auch "Die Mütter"  dürften also recht authentisch sein.

 

ORF - Steiermark heute Fernsehen und online

Superheldinnen im Grazer Volkshaus

Die aktuelle Produktion des Theaters im Bahnhof (TiB) ist wieder einmal ungewöhnlich: Fünf Schauspielerinnen widmen sich ihrer jeweiligen Rolle als Mutter. Doch wer eine Dokumentation ihres Mutterdaseins erwartet, geht weit fehl.

"As long as you?re living, your mother I´ll be" singen die fünf Mütter auf der Bühne des Grazer Volkshauses, wo das Theater im Bahnhof "Die Mütter" inszeniert.
Kinderkriegen als "Reise ins Unbekannte"

Mit Humor und Zuversicht gehen die fünf Schauspielerinnen an ihr Muttersein heran - sie haben sich heldenhafte Berufe zugeschrieben.
Szene "Mütter" Theater im Bahnhof / Volksbühne

Regisseurin und Schauspielerin Monika Klengel erklärt: "Wir haben uns überlegt, welche Metaphern es gibt und sind auf Superheldinnen gekommen - weil wenn du ein Kind bekommst, dann machst du eine Reise ins Unbekannte, weil du nicht weißt, wie das wird. Das ist einfach so."
Krieg, Zirkus und Südpol

Das Ergebnis der Überlegungen: fünf Mütter, die sich nach ihren heldenhaften Taten treffen." "Vielleicht kommt eine aus dem Krieg zurück und eine von einer Südpol-Expedition", beschreibt Klengel die Bandbreite der Geschichten, "und wir treffen uns und sagen: Jetzt ist "mission complete" -  was bleibt übrig?"
Szene "Mütter" Theater im Bahnhof / Volksbühne

Über drei Generationen wird die Mutterrolle beleuchtet, von den eigenen Müttern bis zu den eigenen Kindern. Die Superheldinnen, die so viel erreicht haben, stehen dabei durchaus für die Anforderungen, die heute auf Müttern lasten: "Das Kind, der Job, die Karriere - alles muss gleichzeitig funktioniere"?, sagt Klengel. "Alles muss Spaß machen, du musst dir praktisch ständig beweisen, dass du ein glücklicher Mensch bist. So sehe ich das ein bisschen. Es ist schon ein großer Druck auf uns Müttern."

"Der Tag in der Steiermark", 31.1.2014
Superheldinnen des Alltags

 

Kleine Zeitung - Kritik von Ute Baumhackl
Superheldinnen auf unsicherem Terrain
TiB-Produktion "Die Mütter": schonungslos komische Erkundung gängiger Rollenbilder.


GRAZ. Eine Polarforscherin, die alle Mitreisenden heil durch Eis und Finsternis gebracht hat. Eine Kriegerin, voll furchtbarer Narben, aber ungebrochen. Eine Zirkusprinzessin, die alles kann - Seiltanzen, Pudel dressieren und einen LKW mit Anhänger reversieren. Eine Taucherin, alleinverantwortlich dafür, dass eine Bohrinsel nicht im Meer versinkt. Eine Höhlenbewohnerin, die in unwirtlichen Höhen überleben gelernt hat.

"Die Mütter" heißt das Stück, das von diesen Frauen erzählt; die Bilder, die Monika Klengel, Eva Maria Hofer, Juliette Eröd, Beatrix Brunschko und Gabriela Hiti darin für die Erfahrung der Mutterschaft finden, sind so merkwürdig wie berückend. Sie erzählen von Stolz, Hingabe, Angst, Verzweiflung, von sich ändernden Rollenbildern und den Verunsicherungen, die diese mit sich bringen. Angelehnt an Cindy Shermans Selbstporträts, die schonungslos und komisch Rollenklischees, Selbstwahrnehmung, soziale und sexuelle Stereotypen erkunden, spüren die fünf Schauspielerinnen unter Klengels Regie den Ansprüchen und Realitäten heutigen Mutter- und Frauseins nach. Dabei wagen sie sich auf besonders unsicheres Terrain: Als ihre eigenen Mütter berichten sie von engen Welten, die sich erst geweitet haben, als die Kinder aus dem Haus waren. Als ihre eigenen Kinder beschreiben sie den Pragmatismus und die relative Illusionslosigkeit, mit der Halbwüchsige von heute der Welt begegnen.

Die Nähe zum echten, eigenen Leben, die Kraft des Kollektivs: Selten sind Lieblingsinstrumente des Theaters im Bahnhof so scharfsinnig und ergreifend zum Einsatz gekommen wie in dieser trittsicher geführten Wanderung am Grat zwischen Selbsterkenntnis und Sentimentalität. Empfehlung, z.B. für einen Abend mit der eigenen Mutter, oder den eigenen Kindern. UTE BAUMHACKL

 

Kronen Zeitung - Kritik von Christoph Hartner
Theater im Bahnhof zeigt "Die Mütter" im Grazer Volkshaus
Heldinnen der Pflichterfüllung


War´s das jetzt schon? Oder jetzt erst recht? Die abenteuerliche Expedition ins Mutterdasein geht für fünf Darstellerinnen des Theater im Bahnhof dem Ende
zu. Bevor ihre Kücken das Nest verlassen, beschäftigen sie sich auf der Bühne noch einmal mit ihrer Rolle.
"Die Mütter" ist bis 14. März im Grazer Volkshaus zu sehen.

Die Erziehung von Kindern ist eine heldenhafte Tat, die man mit den großen Abenteuern der Menschheit vergleichen kann. Darum schlüpfen die Darstellerinnen des TiB auch in die Rollen von Superheldinnen, um auf die vergangenen Jahre als Mutter zurückbzulicken: Monika Klengel gibt eine
Schiffskapitänin, die erzählt wie schwer es war, "die Mannschaft durchzubringen", Vorarbeiterin Beatrix Brunschko beweist, wie wenig Sauerstoff sie braucht, um ihre Bohrinsel in Schuss zu halten, Zirkusakrobatin Juliette Eröd schafft jeden Spagat, Höhlenbewohnerin Gabriela Hiti hat gelernt "sich anzupassen und zu schweigen", und Kriegerin Eva Maria Hofer erinnert sich:"Nur im Kampf konnte ich spüren, dass ich lebe."

Nun sind die Kinder kurz davor, das Nest zu verlassen. Und mehr denn je steht die Frage im Raum: Wer bin ich eigentlich abseits meiner Rolle als Mutter? Und wie sieht nun die Zukunft aus? Das Quintett beschränkt sich dabei nicht auf das eigene Bild des Daseins, sondern schlüpft auch in die Rolle seiner Mütter und Kinder - Kulturanthropologe Robin Klengel hat Interviews geführt, die als Textmaterial dienen. Drei Generationen an Wünschen und Ängsten, Zweifel und Mut, Egoismus und Verzicht werden von den Darstellerinnen auf der Bühne verkörpert. "Die Mütter" beschäftigt sich mit Themen, die gespickt sind mit Stereotypen und Floskeln. Doch die kunstvolle Art, in der das Quintett in der Regie von Monika Klengel diese Allgemeinplätze in sich aufsaugt und in farbenfroher Überzeichnung wieder absondert (als Inspiration dienten die
Bilder der US-Künstlerin Cindy Sherman), ist nicht nur ungeheuer lustig, sondern auch unglaublich berührend. Am Ende des Stücks wird ein klappriges "Schutzhaus zur Zukunft" errichtet. Ob es stehen bleibt, wird die Zeit zeigen. Doch beim Aufbau sollte man auf jeden Fall dabei sein!

 

DER Standard - Kritik von Beate  / 5. Februar 2014, 17:16

Lebenslang am Leistungslimit

Berührend: "Die Mütter" im Grazer Theater im Bahnhof

Graz - Fünf Frauen fallen, kriechen, stolpern und marschieren durch eine Tür. Ihre Outfits sind großartig schräg. Sie beginnen einander zu erzählen, denn sie sind eben zurückgekehrt aus dem Krieg, von Wartungsarbeiten auf einer Bohrinsel, von einer Südpolexpedition, aus dem Zirkusleben und nach dem Rückzug in eine Höhle.

Sie alle sind erschöpft und voller Narben, denn sie haben viele Jahre am Limit gelebt. Gekämpft, repariert, Druck und Einsamkeit ausgehalten, Frohsinn verbreitet. Nun wissen sie: Sie können alles, ob sie nun Pudel dressieren oder mit einem Lkw-Anhänger reversieren. Doch jetzt, da die Arbeit getan ist, fehlt etwas in ihrem Leben.
Metaphern und Ironie

Was hier in starken Metaphern und mit einem guten Schuss Ironie über extreme Arbeitsbedingungen erzählt wird, ist die Erkundung der mütterlichen Identität. Was gehört dazu, eine Mutter zu sein? In drei Akten und zwei Zwischenspielen beleuchten Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer und Monika Klengel vom Theater im Bahnhof Mutterbilder über drei Generationen hinweg. Das "Kammerspiel" Die Mütter (Textmitarbeit: Colette M. Schmidt) ist weniger schaurig-komisch, wie im Programmfolder angekündigt, als humorvoll, liebevoll und ehrlich.

Auf die durch Cindy Shermans Selbstinszenierungen inspirierte, farbige Performance des ersten Teils folgt eine sehr intime, nachdenkliche Phase, vielstimmig montiert aus lapidaren Aussagen der Müttergeneration der lange verklungenen 1940er-Jahre.
Chaos im Alltag

In der hinreißenden letzten Sequenz spielen die fünf Schauspielerinnen ihre eigenen, in den 1990er-Jahren geborenen Töchter und Söhne. Dazwischen zwei Szenenumbauten als Dokumentation des alltäglichen Chaos mit Kindern. Wo ist die Bürste? Halt still. Räum endlich auf. Fass an.

Aber es wird auch die historische Dimension des Mutterseins sichtbar. Die Erzählungen der Großmütter verraten Hingabe, Resignation und mitunter späte Befreiung. Die Mütter sprechen von Isolation, Kampf und Gefahr, während die halberwachsenen Kinder vor allem eins ausstrahlen: Selbstbewusstsein, denn das Wichtigste ist, dass es uns gibt. Sehr gelungen und heftig akklamiert. (Beate Frakele, DER STANDARD, 6.2.2014)

 

Salzburger Nachrichten vom 03.02.2014, Kritik von Martin Behr
Wenn Mütter sich ihre Wünsche abschminken
Martin Behr Graz (SN).

Und plötzlich ist das Kinderzimmer leer! Die vergangenen achtzehn Jahre waren schön, aber auch schön anstrengend, teilweise konfliktbelastet, nervig, dann wieder voller Glücksmomente, in jedem Fall bereichernd. Und nun? Das Kinderzimmer wird zum Arbeitszimmer, die Lust an der Aktivität mildert die traurige Melancholie über den Auszug der Tochter. Endlich wieder Dinge tun, die man immer tun wollte, zu denen man aber als Mutter nicht gekommen ist. Ein Neustart mit 50? Warum nicht? Mit dem Projekt "Die Mütter" analysiert das Grazer Theater im Bahnhof in drei Teilen das Muttersein. Am Anfang stehen fünf Superheldinnen auf der Bühne, die von ihren Glanztaten auf der Bohrinsel, im Zirkus, im Schiff, im Krieg oder als Höhlenbewohnerin berichten.Alle tragen dicke Augenschminke und skurril anmutende Verkleidungen: Domina-Look mit blondem Riesenzopf oder Taucherdress und Ganzkörpertätowierung. Das Quintett - auch im Leben sind allesamt Mütter - siedelt die Ansprüche und Erwartungen an das Mutterdasein jenseits der erwartbaren Realität an.Publikum zum Nachdenken - über den Sinn des Lebens, über vertane Chancen und möglicherweise begangenen Fehler, auch darüber, ob man Mutteertagsgeschenke wegwerfen darf.
Im Finale mutiert die FRauengruppe zum eigenen Nachwuchs, die Pubertierenden bauen sich ein improvisiertes "Haus der Zukunft" und bunkern sich dort ein. Die Söhne und Töchter erörtern Themen wie Familienplanung oder Feminismus. Die Naivität in ihrem Reden und Tun läßt das Publikum schmunzeln. Regisseurin Monika Klengel sorgt dafür, dass der aus drei Generationen geflochtene Reigen an FRauengeschichten nie peinlich, weil radikal selbstausbeutend oder idealisierend ist.

 

DIE STANDARD - Kritik von Tanja Paar, 18. Februar 2014, 07:00

Wunden lecken, Fragen stellen
Fünf Frauen, drei Generationen: In "Die Mütter" liefern sie sich eine schonungslose Selbsthinterfragung.

Generationen in einem Körper vereint: Das Theater im Bahnhof zeigt die szenische Collage "Die Mütter" in Wien

"Gehören zum Feminismus Männerrechte auch?". Der da fragt, ist ein männlicher Teenager, der von seiner Mutter dargestellt wird. Sie hat sich dafür in seine Jeans gezwängt, die natürlich viel zu eng sind. Der Reißverschluss muss, darf offen stehen bleiben. Wo gibt's denn so was? Auf der Bühne, natürlich.
Protokollierte Selbsthinterfragung

Das Theater im Bahnhof aus Graz zeigt "Die Mütter", eine szenische Collage um feministische Role-Models im Wiener Brut. Inspiriert von den fotografischen Selbstinszenierungen der US-Künstlerin Cindy Sherman betreiben fünf Frauen eine recht schonungslose und überaus unterhaltsame Selbsthinterfragung ihrer Rolle als Mütter ? und Töchter. Die Texte stammen aus Interviews, die ein Kulturanthropologe mit den Schaupielerinnen, ihren Müttern und ihren pubertierenden Kindern, allesamt zwischen 13 und 18 Jahren, unabhängig voneinander geführt hat.

Jetzt, wo die Kinder langsam aus dem Haus gehen, müssen sich die Frauen die Frage stellen: Und, was jetzt? Und warum? Und - wie bin ich verdammt noch einmal hierher gekommen? Eine Bestandsaufnahme also und ein Ausblick sind es, was uns hier sehr direkt und ohne großes Bühnenbild entgegenkommt. Es ist Regisseurin Monika Klengel und dem gesamten Team zu verdanken, dass das Erzählte nicht bloß im Persönlichen verhaftet bleibt, sondern über sich selbst hinaus etwas allgemein Gesellschaftliches erzählt.
Kriegerin, Forscherin, Technikerin

Dies gelingt zum Beispiel mit dem Mittel der Verfremdung. Im ersten Teil des knapp 90-minütigen Triptychons agieren die fünf Schauspielerinnen (Monika Klengel , Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti und Eva Maria Hofer) als Kriegerin, Forscherin, Technikerin, Artistin und Eremitin. Sie versuchen einander jenseits ihrer Mutterrolle mit Abenteuergeschichten und markigen Sprüchen zu beeindrucken: "Huskies, das ist Proviant, der sich selber trägt", wirft die Polarforscherin in die Runde. "Meine Wohnwagentür stand immer offen", begibt sich die Zirkusartistin in Opferkonkurrenz. "Alles hing von mir ab", prahlt die Taucherin mit der Rettung einer Bohrinsel.

Die Frauen rauchen dabei und saufen, springen und poltern halbnackt und in schrägen Maskierungen über die Bühne, zeigen sich und uns ihre Narben, lecken ihre Wunden. Dann wechseln sie ganz offen die Kostüme und schlüpfen in Rollen ihrer Mütter. Ganz leise ist dieser Teil des Triptychons, ganz sanft. Melodisch wie ein Chor erzählen die Frauen in Rede und Widerrede vom Schicksal ihrer Mütter. Sie sagen: "Wir haben studiert, um am Heiratsmarkt besser dazu stehen." Oder: "Unsere Männer haben uns finanziell abgesichert." Oder: Wir haben uns überreden lassen zu bleiben." Aber auch:  "Wir waren Hausfrau, Mutter und Angestellte." Hier wird, ohne viel Aufhebens darum zu machen, eine ganze Generation portraitiert, ohne sie über einen Kamm zu scheren. Text und Darstellung bleiben vielschichtig und vielgesichtig.
Ahnungslos, aber auch stark

Die Mütter sagen aber auch: "Wir sind so glücklich und selbst bestimmt, weil ihr jetzt aus dem Haus seid." Diesem spannenden Perspektivenwechsel folgt sogleich ein zweiter. Im dritten Teil stellen die Frauen ihre Söhne und Töchter dar und spielen sich dabei in Hochform. Mit einer kleinen Geste nur werden die kurzen Haare ins Gesicht gestrubbelt und aus einer Frau ein Bub. Die Körperspannung verändert sich, die Schultern sinken vor, der Knabe versinkt förmlich in seinem Ampelmännchen-T-Shirt. "Wir sind nach dem Mauerfall groß geworden", sagt er und: "Wann war der noch einmal?" So ahnungslos, aber auch stark, wissbegierig und voll Energie werden uns diese großen Kinder präsentiert. "Wenn Du heute was Kreatives machst, wird es immer gleich Design." Oder: "Ich möchte schon Kontakt zu meinen Eltern, aber in geografischer Distanz. Pflegen möchte ich sie nicht." Solche Sätze kann man nicht erfinden, man kann sie nur in eine Reihenfolge bringen. Im besten Fall eröffnen sie dann einen Bedeutungsraum, der zum Nach- und Weiterdenken anregt. Das ist hier mit Bravour geglückt. (Tanja Paar, dieStandard.at, 18.2.2014) 

 

Ventilartor - Kritik von Elisa Edwards

Wir haben immer unser Bestes gegeben oder Kann mal bitte jemand die Schuhe aufheben?
Die Mütter- Ein schaurig-komisches Kammerspiel  von  Theater im Bahnhof



Was haben eine Polarforscherin, eine Zirkusakrobatin, eine Höhlenbewohnerin, eine Soldatin und eine Bohrinselingenieurin gemeinsam? Alle fünf Arbeitsfelder lassen sich ganz wunderbar als Metaphern für den "Beruf" der Mutter verwenden. In ihrem neuesten Stück "Die Mütter" ziehen die Theater im Bahnhof-Performerinnen Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer und Monika Klengel, die zusätzlich zu ihrer jeweiligen Arbeitskleidung auch gleich noch ein dezentes Superheldinnen-Makeup  auf der Bühne tragen, im Grazer Volkshaus auf gekonnt komödiantischer Weise Bilanz über die letzten Arbeitsjahre und zählen auf, welche Sozialkompetenzen und Fähigkeiten sie durch ihren Beruf erlangt haben.

Da ist zum Beispiel die Polarforscherin (Monika Klengel), die mit Stolz in der Stimme erklärt, dass sie immer die ganze Mannschaft durchgebracht hat, weil sie auf gute Ernährung geachtet hat ("zu Essen gab es Robben und Pinguine") und alle nach einem strikten Tagesplan gelebt haben. Die Zirkusakrobatin (Juliette Eröd) erzählt, dass im Zirkus vor allem die Fähigkeit zum Improvisieren gefragt war und sie nicht nur zaubern, Klavier spielen und Pudel dressieren könne, sondern das ihre Wohnwagentür auch immer offen stand, wenn einmal jemand die Pille danach gebraucht hat. Nachdenklich machen jedoch besonders die Kommentare der restlichen drei Frauen. Die Höhlenbewohnerin (Gabriela Hiti) berichtet, dass sie sich in ihrer Höhle vom weltlichen Leben zurückgezogen und gelernt hat sich anzupassen und zu schweigen. Ein ähnliches Schicksal erlitt die Bohrinselingenieurin (Beatrix Brunschko), die von ihrer Bohrinsel komplett in Anspruch genommen worden ist und sich für sie aufgegeben hat. Doch die wohl stärkste Performance legt Eva Maria Hofer als Soldatin hin, die gerade aus dem Krieg zurückkehrt ist. In bedrückender Kriegsrhetorik legt sie dar, wie es sich anfühlte ihrer Truppe den Rücken freizuhalten: "Man ist stark, übermenschlich, unsterblich. Das ist Glück. Nur im Kampf konnte ich spüren, dass ich lebe."

Das Theaterstück unterhält, berührt und regt zum Nachdenken an. Basierend auf Gesprächen, die ein Kulturantrhopologe mit den fünf Schauspielerinnen, deren Mütter als auch deren Kinder durchgeführt hat, stellt "Die Mütter" in drei Teilen die Errungenschaften, Ängste und Zukunftshoffnungen der verschiedenen Generationen überzeugend dar. Spannend sind dabei vor allem die Parallelen, die zwischen der Nachkriegsgeneration der Großmütter (die sich spät emanzipiert und neu angefangen haben, als die Kinder aus dem Haus waren), der Mütter und deren Kinder zu Tage kommen und die auch im Foyer des Volkshauses in Form von einer Fotowand mit Relikten aus der Kindheit der drei Generationen hervorgehoben werden.

Zu Ende des Stückes kommt die Generation der Kinder, die nach dem Mauerfall groß geworden ist ("Wann war der Mauerfall?") zu Wort. Besagte Generation sitzt bei der Premiere auch im Publikum und beobachtet mit abwechselnd ernstem, kicherndem oder stolzem Gesichtsausdruck ihre als Jugendliche verkleideten Mütter auf der Bühne. Es ist die Generation der "Nutzen-Pragmatiker," die davon überzeugt ist, dass die Welt untergeht, es mit ihnen selbst aber nichts zu tun haben wird. Sie wollen anders leben, als ihre Mütter, aber auch irgendwie gleich. Wichtig ist es ihnen aus Graz wegzukommen, wenn schon nicht nach New York, dann doch "zumindest nach Wien". Ausgestattet mit Holzplatten, Hammer und Plastikfolie baut sich die Generation der Kinder auf der Bühne ein "Schutzhaus für die Zukunft." Ob das Haus hält? Darüber wird wohl erst die nächste Generation Auskunft geben können.

 

APA - Graz - Kritik von Martin G. Wanko

Grazer Theater im Bahnhof wirft Blick in Gedankenwelt von Müttern
Utl.: Fünf Schauspielerinnen reflektieren in "Die Mütter" über
Herausforderung von weiblichen Erziehungsberechtigten in
Gegenwart und Vergangenheit (Von Martin G. Wanko/APA)


Graz (APA) - Ein Blick in die Gedanken- und Lebenswelt von Müttern wirft die aktuelle Produktion "Die Mütter - Hoffentlich habt ihr uns nie beim Sex beobachtet" des Grazer Theater im Bahnhof (TiB). Regisseurin Monika Klengel zeigt in dem Stück, das Freitagabend im Volkshaus Graz seine Premiere hatte, zwei Generationen von Frauen mit Erziehungsverantwortung.

Etwas irritierend für den "Mütter-Abend" stellen sich die fünf Schauspielerinnen - Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer und Monika Klengel ? zu Beginn als Superheldinnen dar, die von Forschungsfahrten in die Antarktis bis zum Einsiedlertum Heldenhaftes erlebt haben. Wollen sie von der Gesellschaft so gesehen werden, sehen sie sich so, oder wollte man schlussendlich nicht zu viel von sich selbst preisgeben? Das bleibt in der Uraufführung des TiB-Stücks von Monika Klengel offen.

Im mittleren Akt spielen die Darstellerinnen ihre eigenen Mütter: Da ist man dann in der Nachkriegsgeneration gelandet. Hier kommt erstmals eine große Unterschiedlichkeit der verschiedenen Charaktere zum Tragen. Konnte sich beispielsweise die eine Mutter "befreien", blieb die andere ein Leben lang eingeengt. Zwischen Befindlichkeit und Anklage geben die Schauspielerinnen die Statements ihrer Mütter von sich: offen und nachdenklich. Mit Sprüchen wie "Ihr wollt euer Leben nicht so machen wie wir", trifft man ins Schwarze, die Nachdenkpausen im Publikum sind spürbar.

Im letzten Teil schlüpfen die fünf Darstellerinnen, deren Kinder sich teils selbst gerade im Teenager-Alter befinden, in die Rolle von Jugendlichen von heute. Es ist großartig anzuschauen, wie die Schauspielerinnen in die Rolle ihrer Kinder im pubertierenden Alter zwischen 16 und 18 schlüpfen. Der Drang, erwachsen zu erscheinen, ist großartig nachempfunden, und die Gedanken der Zukunftsgeneration über ihre Eltern sind mitunter erschütternd witzig. Zitate wie "Gehören zum Feminismus Männerrechte auch?", lassen das Publikum lachen und sinnieren gleichzeitig. Fazit: Ein gelungener TiB-Abend in drei Etappen inklusive großer Steigerungen.