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DIE KAUFLEUTE VON GRAZ

PRESSESTIMMEN

?Differenzierte Stadtanalysen sind die Stärke des Theater im Bahnhof. Auch in seiner jüngsten Produktion Die Kaufleute von Graz, die in Koproduktion mit dem Schauspielhaus grazfür die Probebühne erarbeitet wurde, wird den hiesigen Befindlichkeiten auf den Zahn gefühlt. Ein neckisches Tänzchen auf dem Vulkan.
Pia Hierzegger hat den Text verfasst und richtet lakonische Schlaglichter auf die Probleme, mit denen die Innenstadtkaufleute kämpfen. Mit Regisseur Helmut Köpping (und unterstützt von der Tanzschule Eichler) wird hier ein tiefgründiger Tanzabend kreiert, der sich aber nicht plakativ auf die Probleme stürzt, sondern sie subtil zur Sprache bringt. Spannend sind die klar umrissenen Charaktere, mit denen der Kaufleute-Verein bestückt ist. Kleine und größere Scharmützel werden sehenswert in Szene gesetzt und machen deutlich, wie präzise und fein Köpping mit dem Team gearbeitet hat. Perfekt funktioniert das Zusammenspiel der Damen des TiB mit den Herren des Schauspielhauses. Die zwei unterschiedlichen Theatersysteme haben wohl durch den Tanz den gemeinsamen Nenner gefunden. Ein Abend voller Untertöne, Anspielungen und subtiler Beziehungen, dessen finale Katastrophe ebenso nebenbei daherkommt, wie die Vielzahl an kleinen Intrigen. Sehr empfehlenswert!?
(Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 11. März 2011)

?Hierzeggers Text ist ein mit Raffinesse ausgestattetes Volksstück, das jenseits der auf Lacher zielenden Komödie Themen wie Arisierung, Bettelverbot, Korruption und Neoliberalismus mittransportiert. In dem von Lokalkolorit geprägten Stück tanzen sich u. a. Elisabeth Holzmeister als séance-erprobte Seherin, Franz Solar als schleimiger Checker und Juliette Eröd als unternehmerische Lebenslust in die Publikumsherzen. Die kompakt entwickelten Charaktere machen Lust auf mehr. Eine Fortsetzung der Business-Saga aus der Murprovinz bietet sich an.?
(Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 11. März 2011)

?Im Licht des globalisierten Marktes wirft Pia Hierzegger einen zärtlichen Blick auf die allmählich verschwindenden, meist im Familienverband geführten kleinen Einzelhandelsgeschäfte unserer urbanen Zentren. Ihre Betreiber sind die stolzen Vorsteher eines von Großketten und dem Online-Shopping bedrohtem Universum: Juweliere, Pelzhändler und Zuckerlgeschäfte. Der dokumentarische Zugang des Stücks kehrt die regionale Verankerung des Themas hervor. Und damit ist dem TiB und dem Schauspielhaus ein guter Brückenschlag geglückt. Die Inszenierung ist eine ohne groß aufgesetzte Komik getanzte Milieustudie, die sich trotz allerlei mitverhandelter Klischees (Vereinsmeierei, Umständlichkeit, lachhafte Marketingstrategien etc.) ihren Studienobjekten liebevoll nähert.?
(Margarete Affenzeller, Der Standard, 11. März 2011)

"Die Kaufleute von Graz": Tanz durch Innenstadt-Intrige
Gemischtes TiB-Schauspielhaus-Ensemble sorgt in
Hierzegger-Uraufführung für spannenden Bühnenabend (Von Peter Kolb/APA
Graz (APA) - An ihr eigenes Suburbia-Stück "Sound of Seiersberg" knüpft Pia Hierzegger ihr neues Theaterstück "Die Kaufleute von Graz" an. Am Aschermittwoch wurde die Koproduktion des Schauspielhaus Graz mit dem Theater im Bahnhof (TiB) uraufgeführt: Inszeniert von TiB-Regisseur Helmut Köpping und sowohl von TiB- als auch Schauspielhaus-Ensemble-Mitgliedern auf die Bühne gebracht, entstand eine durchaus spannungsgeladene - auch für Nicht-Grazer geeignete - Produktion.
Nach dem Stadtflucht-Drama "Sound of Seiersberg" aus dem Jahr 2007 skizziert Hierzegger auf der Probebühne des Schauspielshaus Graz nun die Treffen einer ums Überleben ringenden Spezies, den Innenstadtkaufleuten. Deren Zusammenkünfte beinhalten stets einen gemeinsamen Tanz - der mitunter mehr über die Beziehungen und Probleme der Protagonisten verrät als deren Dialoge.
Sie sind eine aussterbende Art, die Innenstadtkaufleute, die ihren Familiennamen und Traditionen verpflichtet sind, ob sie nun zum erfolgreichen Führen eines Geschäfts - dem wenig mehr als die gute Lage geblieben ist - geeignet sind oder nicht. Aus Tradition hat auch ein Mitglied der Familie Gerstel die Obmannschaft der Kaufleutevereinigung inne. Emporkömmlinge wie die die Führungsrolle anstrebende Frau Magister (Beatrix Brunschko) werden zwar geduldet, weil man im selben leckgeschlagenen Boot sitzt, doch so richtig zum alten Händler-Adel (Pelzgeschäft-Besitzer Thomas Frank) gehören sie nicht.
Die Musik spielt aber weiter zum ständig drohenden Untergang. Dazu wird getanzt: Zum "Stärken des Zusammenhalts, der Harmonie", so die Noch-Obfrau (Gabriela Hiti). Der erste Tanzabend zieht sich ein bisschen, kommt nicht so recht in Schwung, was bei den beiden darauffolgenden Treffen inklusive Mambo und Paso Doble (Einstudierung: Tanzschule Eichler) aber mehr als ausgeglichen wird. So gut wie jeder der Kaufleute zeigt sein wahres oder verliert sein Gesicht - obwohl alle inoffiziell ohnehin ganz gut übereinander Bescheid wissen.
Ehebruch, Betrug, Täuschung, Demütigung, wechselnde Loyalitäten wie jene von Xandl (Franz Solar) gegenüber den Gerstels (Jan Thümer, Eva Hofer, Gabriela Hiti) - den Kaufleuten ist nichts Menschliches fremd und das gemischte TiB-Schauspielhaus-Doppel stellt das mit großer Spiellust auf die Bühne: Alte Rechnungen sind offen, genauso wie Wunden, und sie halten offenbar nur zusammen, weil von anonymen Kaufhausketten noch mehr Ungemach droht. In die Dialoge fließt viel Grazer Lokalkolorit wie etwa Sekt und Brötchen beim "Frankowitsch" ein. Fazit: Kein himmelhoch jauchzender, aber ein durchaus spannender Theaterabend. Auch für Nicht-Grazer.
APA0248 2011-03-10/12:13