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BLACK MOONSHINE

Schwarzes Licht über einer Ofensau
Helmut Ploebst, Der Standard
2. Oktober 2015, 09:00

Im obersteirischen Vordernberg schnapst das Theater im Bahnhof "Black Moonshine. Die Essenz der Freiheit"aus. Die Wiener Formation Nesterval behauptet ebendort "Die Heimkehr der Eleonore Nesterval"

Vordernberg ? Was nicht abgestochen werden kann, ist die sogenannte Ofensau. Wie eine solche aussieht, kann man in Vordernbergs liebevoll restauriertem gemauertem Hochofen gut sehen. Die Ofen- oder Eisensau ist ein Schmelzrest unterhalb der Abstichöffnung in einem Hochofen. Wer sich diesen Rest bei einem Abstecher in die obersteirische Marktgemeinde Vordernberg geben will ? jetzt wäre die Gelegenheit doppelt günstig. Denn der Steirische Herbst realisiert in dem einst zu den bedeutendsten Industrieorten Mitteleuropas gehörendem Städtchen einen Teil seines künstlerischen Programms.
Zu Gast in den Barbarasälen
Daher trägt ein alter Ofen, Baujahr 1846, jetzt ein Schriftband der Australierin Mikala Dwyer. Ins Raithaus, einen Vorläufer der Leobener Montan-Universität, baut Anna Peschke ein "Ophiopogon" ein. Das Kollektiv Fourdummies wird unter dem Titel Flash Forward ein temporäres "Fotolabor für Zukünftiges" betreiben. Und das Theater im Bahnhof (TiB) aus Graz nistet sich in den Barbarasälen ein. Von dort aus nimmt die Gruppe ein ganz neues Gebäude ins Visier. Einen Bau, dem die lokale Bevölkerung heute teilweise mit Skepsis begegnet, weil er der ohnehin schon von Abwanderung geplagten Gemeinde seit seiner Eröffnung Anfang 2014 keine gute Publicity eingebracht hat.

Offiziell heißt dieses Haus Anhaltezentrum, im gemeinen Sprachgebrauch Schubhaftzentrum. Black Moonshine. Die Essenz der Freiheit titelt die dazu passende Arbeit des TiB. Darin wird die durchaus ambivalente Geschichte einer Gemeinde erzählt, die zwei Besonderheiten hat: ein Schubhaftzentrum und eine Schnapsküche. Die Anstalt ist etwas Gutes, weil sie eine schöne Architektur hat und Positives verspricht: Geld. Ein Bau als Schwellenbereich für Menschen, die ein neues Leben vor sich haben: zwischen Aufstieg und Abschiebung. Dann der Schnaps: eine Brennerei, ein edles Destillat, ein wirtschaftlicher Erfolg.

"Nach und nach entstehen Liebe und Bewunderung für den Ort und die persönlichen Geschichten seiner Bewohnerinnen und Bewohner", schreibt das TiB in seiner Ankündigung. Dieser Truppe ist die Ironie nicht fremd. Schon aus Tradition. Zur Erinnerung: Gegründet wurde das TiB 1989. Damals spielte man im ehemaligen Jugendwarteraum des Grazer Hauptbahnhofs, ab Mitte der Neunziger im eigenen Theater, einer ehemaligen Werkstatt am Lendplatz. In den Nullern zog das TiB in die Elisabethinergasse. Das "größte professionelle freie Theaterensemble Österreichs" kann überall ? und will nicht nur in Theatern ? auftreten.

Sein Glaubensbekenntnis: "Das TiB sieht seine Arbeit in der Fortsetzung und Weiterentwicklung des Volkstheaters. Es untersucht Archetypen, Spezialitäten und Abnormitäten des Österreichischen, um eine eigenwillige Auseinandersetzung mit österreichischer Identität und Gegenwart zu demonstrieren" ? mit einem Theater "zwischen Tradition und Pop". So soll es jetzt auch in Vordernberg sein, wenn dort in der Schwärze eines Mondscheins um das Wesentliche der Freiheit geschnapst wird. (....)
(Helmut Ploebst, Spezial, 2.10.2015)


Tankstelle ohne Zapfsäule, dafür Schnaps aus der Garage

Margarete Affenzeller, Der Standard; 7. Oktober 2015, 15:29

Steirischer Herbst: Das Theater im Bahnhof bringt "Black Moonshine" zur Uraufführung

Vordernberg ? Die obersteirische Marktgemeinde Vordernberg hadert mit der Abwanderung der Bevölkerung ? ein Phänomen des postindustriellen Zeitalters. Das ehemalige Zentrum für Roheisenerzeugung nahe den Eisenerzer Alpen zählte früher zu den reichsten Gemeinden des Landes. Heute sind lediglich zwei Gasthöfe übrig geblieben. Zeit für das Theater im Bahnhof, eine künstlerische Bestandsaufnahme vorzunehmen: Black Moonshine. Die Essenz der Freiheit. "Wenn der Schlecker geht, kommen die Künstler." Wie wahr.

In den Barbarasälen (die heilige Barbara ist Schutzpatronin der Bergleute), einem die Patina der letzten Jahrzehnte stolz präsentierenden Veranstaltungszentrum mit grüner Ganzjahresdekoration, markieren zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler (Eva Maria Hofer, Gabriela Hiti, Rupert M. Lehofer, Jacob Banigan) das wenig aufregende Leben im Ort. Teile des Stücktextes gehen dabei auf Recherchematerial bzw. Originalzitate zurück.

Zwetschken werden für einen Kuchen entkernt, Kugelschreiber für den Nebenverdienst zusammengeschraubt. 10.000 sind es, damit das bei vier Cent pro Stück auch eine schöne Summe abwirft. Manchmal kommt die "Raiffeisenbank auf Rädern" in den Ort.

Eine Soundkünstlerin schwirrt durch die Straßen und labt sich an den Tönen, die das beschauliche Leben bietet. Auf ihre Vorliebe für schwarzafrikanische Männer kommt sie gleich zu sprechen, und begibt sich deshalb immer wieder zu dem an der Ortseinfahrt befindlichen Anhaltezentrum, in dem sich mutmaßlich Menschen dunkler Hautfarbe befinden. Auch drei Syrer spazieren durch die projizierte Landschaft.

Diese Künstlerfigur darf man als selbstkritische Implementierung der Theatermacher deuten. Schließlich könnte es als überheblich missverstanden werden, den Einwohnern mit einer Interpretation deren Lebens nahezutreten. Was aber passiert in Black Moon- shine? Eine mysteriöse Frau mit Rollkoffer (Lynne Ann Williams) entsteigt einem Mercedes. Sie bleibt im Stück bezeichnenderweise nur auf der Leinwand präsent, kommt gewissermaßen nie ganz in der Realität des Gemeindelebens an. In der Garage von Stoney (eigentlich Toni), Inhaber einer Tankstelle ohne Zapfsäule, eröffnet sie eine Schnapsbrennerei und bringt mit ihrer selbstbewussten Art das soziale Gefüge ins Wanken.

Es gibt nicht die eine Geschichte von Vordernberg. Und so ergibt auch das in Gemeinschaftsarbeit entstandene, vieles vor Ort aufgreifende und gut verarbeitende Stück (weiters: Ed. Hauswirth, Helmut Köpping, Johanna Hierzegger, Markus Klengel) keine runde Erzählung. Vielmehr stellen recherchierte, aber doch fiktive Momente eines Dorflebens den Blick auf ein Dasein in "strukturschwacher Zone" scharf.

Das Zusammenbauen von 10.000 Kugelschreibern bringt übrigens 400 Euro ein. (Margarete Affenzeller, 6.10.2015)


Am Schauplatz in Vordernberg
Von Reinhard Kriechbaum, Wiener Zeitung


"Am Schauplatz" hat ein findiger Imbissbudenbetreiber sein Etablissement unmittelbar beim Anhaltezentrum (Österreichs Vorzeige-"Gefängnis" in Vordernberg) genannt. Bei so viel Kreativität haben es Theaterleute gar nicht leicht, mitzuhalten. Solche kommen derzeit gehäuft vorbei dort, denn der historische Ort an der Steirischen Eisenstraße ist Schauplatz von vielen Aktionen vom "steirischen herbst".

Ein Samstag am Schauplatz Vordernberg also. Das "Theater im Bahnhof" hat vor Ort recherchiert und ein Road Movie mit Live-Schauspiel destilliert. Ein solches drängt sich auf, denn der Ort besteht ja im Wesentlichen nur aus einer Bundesstraße. Links und rechts davon aufgereiht sind die historischen Baudenkmäler, Hochofen-Relikte, Hammerwerke und Gewerkenhäuser. Das Anhaltezentrum ist beruhigend weitab, am unteren Ortsrand angesiedelt. "Black Moonshine - Die Essenz der Freiheit" spielt direkt an der Straße, an einer Tankstelle ohne Zapfsäule, nur mit Shop. Dort kreuzt eine dunkelhäutige Dame auf, mietet sich in der Garage ein - und fängt an, Schnaps zu brennen. Eine Schwarze beim Schwarzbrennen? Schwarzseher könnte man werden. Vordernberger wissen: "Wenn der Schlecker weg geht, kommen die Künstler" (mit diesem Sager hält das "Theater im Bahnhof" fast mit dem Imbissbudenbetreiber mit). Jedenfalls irritiert die wenig gesprächige Frau eben so wie ihre Attraktivität und ihr Wirtschaftszweig.
Schwarze Schwarzbrennerin
Das "Theater im Bahnhof" macht mit seinen regional rückgebundenen Produktionen erfrischendes Volkstheater. Beobachtungen fließen ein, Bemerkungen der Bevölkerung werden aufgeschnappt. Der Satz, dass die Schneeräumung seit Eröffnung des Anhaltezentrums besser funktioniert, fand bei der Premiere lebhaftes Kopfnicken der Ortsansässigen. Die tauchen im Film in Gestalt der Blasmusik auf, dirigiert vom Bürgermeister. Sie begleiten die singende schwarze Schwarzbrennerin, wenn sie Bachs "Bin ich bei dir" röhrt. Der Hintersinn beißt kräftig zu, aber "Black Moonshine" entpuppt sich letztlich als unprätentiöses Identifikationstheater mit ausreichend lockeren Pointen. Wo die Geschichte hinläuft? Verraten wir nicht, nur so viel: Schnaps ist brennbar, und er wird zuletzt krass zweckentfremdet.

(...)

Kleine Zeitung/APA
steirischer herbst
Theater im Bahnhof brennt Schnaps in Vordernberg


Rechercheprojekt auf der Bühne: Das Grazer "Theater im Bahnhof" feierte Premiere in den Barbarsälen in Vordernberg. Die Kritik zu "Black Moonshine"
Illegale Schwarzbrennerei vor der Thematik des Anhaltezentrums in Vordernberg Foto © Johannes Gellner


"Vor siebzig Jahren war die Gemeinde eine der reichsten Österreichs. Heute ist das postindustrielle Vordernberg von Abwanderung betroffen. Aber es gibt Menschen, die sich gegen den prognostizierten Niedergang auflehnen", heißt es in der Ankündigung zu "Black Moonshine", der ersten Saison-Premiere des Grazer Theaters im Bahnhof im Rahmen des "steirischen herbstes".

Von Auflehnung gegen den bereits vollzogenen Niedergang der einstmals so bedeutenden obersteirischen Industrie-Marktgemeinde war am Samstagabend allerdings wenig zu bemerken. An Idee und Handwerk des gediegen werkenden Ensembles des Grazer Vorzeige-Off-Theaters mangelte es auch dieses Mal nicht.


Ein Abend voller Zitate

Die teils auf realen Recherchezitaten fußenden Kalauer von Rupert Lehofer als Besitzer einer zumindest vom Benzin trockengelegten Tankstelle (Toni alias Stoney) sind durchwegs gelungen, und auch Gabriela Hiti als unglücklich in den Trucker Mike verliebte Schnaps-Inhalier-Drossel spart nicht mit Pointen. Parallel zum Geschehen auf der Bühne flimmert ein Teil der Handlung über eine Leinwand, wobei die Interaktion zwischen den auf dem Parkett agierenden Schauspielern mit den Charakteren im Film einwandfrei klappt - inklusive eines Gesangsduetts zwischen Mike (herrlich fies und dennoch verzweifelt: Jacob Banigan) und seiner mysteriösen Angebeteten Luna.

Letztere - als schwarze Mondgöttin quasi Patin des Stücks - ist es, die mit ihrer illegalen Schnapsbrenneranlage die unheile Welt der Protagonisten - die vierte im Bunde ist die Künstlerin Marina (überdreht, ebenfalls verzweifelt: Eva Hofer) - endgültig zum Einsturz bringt. Die Figur der Marina muss mit ihren unglücklichen Ehen zu Afrikanern als Bindeglied zum programmatisch thematisierten, realen Schubhaftzentrum in Vordernberg herhalten.

Und genau an dieser Stelle offenbaren sich die Schwächen des Stücks. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es unter größtem Zeitdruck für den "herbst" fertiggestellt werden musste. Der Anspruch einer Auseinandersetzung mit der Flüchtlings- und Abschiebe-Problematik beschränkt sich im Wesentlichen auf ein paar zynische Dialoge und drei gelegentlich durchs Filmbild wandernde "Syrer".

Auch die anderen Fragezeichen im Handlungsverlauf - warum um alles in der Welt müssen etwa die Protagonisten das letzte Drittel des Abends in Unterwäsche bestreiten? - wirken unfreiwillig anstatt gezielt. Wenn am Schluss Leinwand-Luna einen Molotowcocktail auf Tonis tote Tankstelle wirft und diese samt ihrem Besitzer in gekonnter Zabriskie-Point-Zeitlupe in einer Feuerwand vergeht, so wirkt das wie ein Verlegenheitsende, so nach dem Motto: Wenn wir keinen zündenden Schluss finden, dann sprengen wir das Ding halt einfach in die Luft.

Trotz dieser Schwächen kam der Premierenabend am Samstag in den Vordernberger Barbarasälen beim Publikum gut an. Zu verdanken war das wohl der schauspielerischen Klasse des TiB-Ensembles.