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BELMONDO MON AMOUR

Liebe, ein Versuch. Ein Klassiker mit dem jungen Jean-Paul Belmondo auf dem Seziertisch des TiB.

Graz. "Niemand begreift besser als Godard die Ordnung der Unordnung", charakterisierte der Surrealist Aragon Jean-Luc Godards Roadmovie und Liebesdrama "Pierrot le fou" aus 1965, für das deutschsprachige Publikum "Elf Uhr nachts" betitelt. Ordnung und Unordnung, aber auch Übersetzungen und deren Scheitern sind immer wieder ein Dreh- und Angelpunkt ees TiB, wo nun zwei Ensemblemitglieder einen Abend miteinander verbringen.  Kein Liebespaar, sondern befreundete Kollegen, die über Liebe und Beziehungen sinnieren, somit auch über Routine und "Catastrophe totale". Und über die langen Ehen ihrer Eltern.
Aber es sind eben die Ichs von Schauspielern, also werden Martina Zinner und Lorenz Kabas auch zu Anna Karina und Jean-Paul Belmondo, zu deren Charakteren Marianne und Ferdinand, von ihr Pierrot genannt.  Ein permanentes Wechselspiel. Aber kann man deren Gefühle überhaupt herstellen und spüren? Auch wenn es wie bei einem Filmregisseur mehrere Takes, also Versuche gibt?
Theaterregisseurin Monika Klengel muss zu dem Schluss gekommen sein, dass das Ende im Kino nach wie vor schöner ist als im Leben. Im Film hat das Paar nun die Ewigkeit für sich, die ewige Sonne und das endlose Meer, aber wir Erdenbürger werden dadurch nicht schlauer. So ist dieser TiB-Abend auch kein Ratgeber für Liebende und Liebessuchende, sondern ein Versuch, große Gefühle zu beschwören. Ein unterhaltsamer mit tollen Protagonisten allemal. CHRISTIAN UDE - Kleine Zeitung

 


Retrospektive über die Liebe
"Belmondo mon Amour" im Grazer Theater im Bahnhof

Das Phänomen Liebe stellt das Theater im Bahnhof in seiner aktuellen Produktion in den Mittelpunkt. Regisseurin Monika Klengel und ihre Darsteller, Martina Zinner und Lorenz Kabas, orientieren  sich dabei an Jean Luc Godards Film "Pierrot le fou - 11 Uhr nachts", denn Liebe ist nirgends so real wie im Kino.

Wenn man Sagt, dass Zinner und Kabas in "Belmondo mon Amour" Godards Film nachspielen, dann beschreibt man nur einen ganz kleinen Teil des Abends. Denn es geht dem Team unter der Leitung von Monika Klengel nicht um eine Übersetzung des Films auf die Bühne (die freilich bis hin zu den Blicken und Pausen fulminant umgesetzt wird), sondern um das, worum es eben geht"! Große Liebe und echte Romantik, das Wachsen einer Beziehung und das tragische Scheitern derselben, alles erzählt in der unendlichen Coolness, in die Jean-Luc Godard seinen Filmgefasst hat. Die Film-Dialoge, die perfekten Kostüme, ja sogar die nachgestellte Tanz-Szene dienen hier vor allem der Reflexion. Darüber, dass die Ehen der Eltern haltbarer sind als die Beziehungen heute, dass Liebe zu schnell Routine wird,das Gänsehaut-Feeling viel zu kurz kommt. Doch auch damit hat man erst einen Teil des Abends erfasst, schließlich geht es auch ein bißchen ums Method Acting, um theatralische Mittel und Effekte, die (in der mit dem Nötigsten perfekt ausgestatteten Bühne von Heike Barnard) mit feinem Augenzwinkern bloßgestellt werden. Die 'Produktion dauert etwa so lange wie der Film, und sie ist mindestens so vielschichtig - auch wenn es um ganz andere Schichten geht.  Ein Abend mit Tiefgang und hohem Unterhaltungswert, den man auch ohne Kenntniss des Films - und der französischen Sprache - genießen kann.


Ein kurzes Stück über die Liebe - "Belmondo Mon Amour" im Grazer TiB Godard-Film als Vorlage für ein experimentelles Gefühls-Kammerspiel (Von Peter Kolb/APA)  
Graz (APA) - Für "Ein Abend über die Kunst des Schmachtens - Belmondo Mon Amour", die neue Produktion des Grazer Theater im Bahnhof, die am Freitagabend Premiere hatte, hat sich Regisseurin Monika Klengel des Jean-Luc Godard-Films "Elf Uhr nachts" (Pierrot le fou) angenommen. Selten, dass ein Film zu einem Theaterstück wird. Klengel hat den Stoff der Gewalttaten und der Fluchtbewegungen entkleidet und Marianne (Martina Zinner) und Ferdinand (Lorenz Kabas) auf sich selbst und ein einziges Zimmer reduziert - ein kurzes Stück über die Liebe.  "Es geht um die Liebe. Um die Liebe im Kino. Um die Liebe ohne Kino. Um die Liebe im Leben. Um das Leben ohne Liebe" - heißt es in der Vorstellung des Stücks in der Ausstattung von Heike Barnard (technischer Support: Martin Schneebacher, Moke Klengel). Sind es im Film Jean-Paul Belmondo und Anna Karina, die sich von Nord- nach Südfrankreich stehlen und morden, sich aus den Augen verlieren, wieder aneinandergeraten, lieben, zweifeln und sterben, so lässt die Regisseurin zwei Menschen ohne Liebesbeziehung zueinander ausprobieren, ob Szenen und Zitate aus einem Streifen Gefühle befeuern können.     
Wie wirkt die große Szene, die absolute Liebeserklärung, wenn sie der Kameraeinstellung und dem Geschick des Cutters entzogen ist? Marianne und Ferdinand lieben sich nicht, sie spielen es, probieren es aus, wirken eindringlich, lächerlich und komisch, tanzen und singen sich durch die Vorgabe des Films, variieren, sprechen deutsch und französisch bunt gemischt, übersetzen sich, weichen ab, wie sie es wollen und wohin ihre eigene Inszenierung sie gerade treibt. Martina Zinner bringt einen wunderbar unaufdringlichen französischen Akzent in ihre Sprache. Lorenz Kabas schafft den Seilakt vom coolen Kerl in Hut und Rippleiberl zum Letzten der feurigen Liebhaber in Unterhosen.     
Etwas über eine Stunde geben die beiden Wirren und Irren des inszenierten Gefühls nach und lassen unklar, ob sie es geschafft haben, die Liebe inszeniert aus dem Film heraus auf die Bühne zu stellen. Eines gelingt jedenfalls: Kennt man den Film nicht oder kann man sich zumindest kaum mehr erinnern, hat man richtig Gusto drauf bekommen.     
(S E R V I C E - "Belmondo Mon Amour" im Theater im Bahnhof, Elisabethinergasse 27a, 8020 Graz. Regie: Monika Klengel nach Motiven aus dem Film "Elf Uhr nachts" von Jean-Luc Godard. Weitere Vorstellungen: 13., 14., 20., 21., 27.und 28. Mai sowie 3. und 4. Juni, jeweils um 20 Uhr. Karten unter Tel. 0316 76 36 20, nähere Info unter www.theater-im-bahnhof.com abrufbar)