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Burgtheater


Theater heute, Juni 2005, W. Kralicek

"Das Grazer Theater im Bahnhof ist der beste Grazer Theaterexport seit Werner Schwab?. Eine besonders "werktreue" Inszenierung war auch vom TIB nicht zu erwarten. Die Projekte der Grazer Gruppe sind von sehr eigenwilligem Humor und einer radikal persönlichen Handschrift geprägt. In der Regel schreibt sich das TIB die Texte selbst, und wenn man sich einmal einem "fertigen" Stück widmet, dann sieht auch das meist wie selbst gebastelt aus .


APA, Wolfgang Huber-Lang

Das Lachen im Halse
Mit zwanzig Jahren Verspätung erlebte Elfriede Jelineks "Burgtheater" seine österreichische Erstaufführung. Im Grazer Heimatsaal.
Burgtheater im Grazer Heimatsaal. Das hat etwas. Aus der Diskrepanz zwischen muffigem Veranstaltungsraum und dem hohen und hohlen Kunstanspruch einer Burgschauspielerfamilie im Zentrum von Elfriede Jelineks Stück "Burgtheater" zieht das Theater im Bahnhof bereits vor der Vorstellung Gewinn. Die schließlich ein umjubeltes Ereignis von weit mehr als lokaler Bedeutung ist, hatte man doch fast 20 Jahre auf die österreichische Erstaufführung dieser umstrittenen "Posse mit Gesang" warten müssen.
Couch, Plastiksessel, Requisitentisch, Hammondorgel, Videokamera - viel Umstände macht die Inszenierung von Ed. Hauswirth nicht. Über eine Leinwand flimmern Ausschnitte aus dem Nazi-Streifen "Heimkehr". Paula Wessely rührt mit der Beschwörung eines künftigen Lebens auf deutscher Heimaterde zu Tränen. Schnitt. Ein mit grotesken Kostümen und üppigen Perücken ausgestattetes Ensemble stellt sich mit schuldbewusstem Blick der Vergangenheit. "Die Dreharbeiten sind ja schon etwas länger her, wie geht es euch jetzt damit?", fragt eine Putzfrau im Talkshow-Ton und reicht das Mikro weiter. Zögernd kommen die Antworten, ehe es aus den Schauspielern hervorbricht: "Ich bereue nichts!"
Frechheit siegt!
Erst allmählich wird klar: Hier ist von der eigenen Vergangenheit der Theatergruppe die Rede, nicht vom Wegschauen, Durchtauchen und Mitlaufen mit dem NS-Regime. Frechheit siegt. Das Theater im Bahnhof wird seinem Ruf gerecht: Ohne Scheu bringt es das Thema auf den Punkt, setzt Gegenwart gegen Vergangenheit und schafft - mit ein paar Durchhängern im zweiten Teil - einen Gegenpol zum offiziellen Jubiläumsjahr.
Immer wieder findet das Ensemble (im Zentrum: Martina Zinner als Burgtheaterheroine Käthe) zu Szenen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt: Wenn die Familienmitglieder für die Rolle eines Juden vorsprechen, wenn familiäre Züchtigung betrieben oder ein übles NS-Porno-Hörspiel ("Geil Hitler") vorgetragen wird. Die Auseinandersetzung mit der Sprache geht freilich ein wenig unter.


Die Presse,06.05.2005, Elisabeth Willgruber

Hollero, animiertes Idole-Zerschnipseln!
Elfriede Jelineks "Burgtheater": Dröhnende österreichische Erstaufführung des Grazer Theaters im Bahnhof.
"Hollero": Jetzt rollen die großen Häuser Elfriede Jelinek den roten Teppich aus, reißen sich auch um die über 20 Jahre alte "Nestbeschmutzer"-Posse "Burgtheater", 1982 in den Grazer "manuskripten" abgedruckt, drei Jahre später in Bonn uraufgeführt.
Wer Paula Wessely und die Hörbiger-Brüder Attila und Paul angriff, verging sich an Ikonen. "Burgtheater" setzt ihnen Denkmäler. Wobei Jelinek unterstrich, es gehe ihr um Sprache, nicht um reale Personen. "Ich habe mich da einfach an den Schneidetisch gesetzt und ganze Passagen aus Filmen dieser Zeit abgeschrieben, zum Beispiel aus Heimkehr, der ja der schlimmste Propagandafilm des Dritten Reiches war und in dem Paula Wessely die Hauptrolle gespielt hat."
Johanna Hierzegger (Video) montiert den antisemitischen Film als künstlerisches Menetekel für die "Kriegsgewinnlerin" Wessely. Die thront - ganz Diva - auf einem minzfarbenen Sofa vor eingeblendetem Kaminfeuer. Ein paar Stufen über der schnöden Hauptspielebene im Grazer Heimatsaal. Mit röhrend tiefer Stimme, melodiöser "Bratschen-Trauer", wie Sigrid Löffler den Ton des vor fünf Jahren verstorbenen Publikumslieblings traf. Showtime ist angesagt. Da ist das "Theater im Bahnhof" ganz in seinem Element - nach der Devise Publikums-Animation, inhaltliche Entlarvung und gespielte Echtheit. Zwar macht sich die persiflierende TV-Talkrunde als Entrée passabel, verrät aber unter der Regie von Ed Hauswirth schleppende Anfangsunsicherheit.
Die überspielt Martina Zinner als Protagonistin Käthe jedoch bald. Glänzend parodiert sie mimisches Stahlgewitter, eisern nach außen, innerlich labil unberechenbar. Ein für jedes Regime instrumentalisierbarer Frauentypus, familiär die Hölle, vor allem für die unterjochten Töchter und die zur Sexualsklavin und zum Familientrampel abgestempelte Dienstbotin Therese (Eva Maria Hofer). Vom gespreizten Bühnen-Wienerisch mit böhmisch-ungarischem Einschlag über ordinären Küchendialekt bis zur Kunstsprache beherrscht Zinner alle Tonlagen. Michael Ostrowski schmiert köstlich mit NS-Rhetorik und als phallischer Burg-Zwerg. Der hunnische Wilde Istvan (Andreas Kiendl) und der glatte Anpasser Schorsch (Lorenz Kabas) flippen als Revue-Paar aus. Sexualität, Macht, Nacktheit, Unterdrückung determinieren das "Burgtheater" als Höhle skrupelloser Karrieretriebe.
Ein guter Griff der Nobelpreisträgerin, ihr einst verpöntes Stück der exaltierten Off-Truppe aus Graz (Koproduktion mit dem Stuttgarter "Theater der Welt 2005") zu überlassen. Die zerhacken, streichen großzügig, beleben neu, spielen mit Filmzitaten, anderen Jelinek-Textflächen ("Lust") oder Leopold Figls berühmter Weihnachtsansprache von 1945. Spitzen auf Andrea Eckert und Matthias Fontheim, der der Mur-Truppe erstmals das Schauspielhaus öffnete, erweisen sich im eitlen Selbsterhöhungs-Wahn als verzichtbar. Insgesamt eine gewohnt trashige, selten als Lachschlager taugende Vergangenheitsbewältigung, die ins Erinnerungsjahr passt wie die Torte im Gesicht pathetischer Festredner.


Kurier, 06.05.05, Peter Jarolin
"Immer wieder bleibt das Lachen im Hals stecken; konsequent werden die Themen auf den Punkt gebracht. Nazi-Terror, hehres Mimenspiel, unverhohlene Gewalt und verdrängte Sexualität - die Abrechnung mit "Herrenmenschen" ? Fantasien? gelingt gut. Einige Längen sind korrigierbar, aber Frechheit siegt?.

Das TIB pfeift auf politische Korrektheit. Und das ist im Gedenkjahr zur Abwechslung auch ganz gut..."


Stuttgarter Nachrichten, 30.06.2005, Armin Friedel

"...Und das Grazer Ensemble "Theater im Bahnhof"?: lustbetont, witzig und provozierend. Da berauschen sich die Schauspieler als Filmgrößen an den
einstigen Tourneestationen, die immer prominenter wurden?
Im Prinzip gleicht die Herangehensweise von Regisseur Eduard Hauswirth den Jelinek-Inszenierungen von Christoph Schlingensief?Doch im Gegensatz
zur opulenten Sichtweise von Schlingensief, dessen letzte Jelinek-Inszenierungen erst ab 18 Jahren freigegeben waren, ist das Spiel der sechs Akteure hier wesentlich näher am Publikum und damit auch differenzierter. Das betrifft die Leichtigkeit, aber auch die unerwarteten Attacken auf das Publikum, sei es in akustischer oder in ethischer Hinsicht..."


Südwestpresse, 30.06.2005, Christoph Müller
"...Ganz im Sinne eines Wolfgang Bauer oder Werner Schwab poltern die Grazer nun auch munter drauf los. Der Jelinek-Text dient ihnen höchstens noch zur
Hälfte als Vorlage  - an der sie sich freilich nicht abarbeiten, geschweige denn reiben, sondern stattdessen harmlosesten Mummenschanz Marke Eigenbau
hinzufügen...
Elfriede Jelinek war es um eine bitterböse Demaskierung der freiwillig den Nazi-Anschluss propagierenden Burgtheater-Dynastie der Hörbiger/Wessely gegangen - die Grazer aber wollen nicht nur den landeseigene Nazismus, sondern den Narzissmus aller Schauspielerei aufspießen und erreichen mit ihrem kabarettelnden Getöse letztlich gar nichts... Im besinnungslosen Rausch der billig selbstgebastelten Jelinek-Ableitungen gehen dannso schöne sprachironische O-Ton-Sätze unter wie der: *"Die deutschen Zischlaute sind ein Genuss !? (*Dieses Zitat stammt vom TiB-Ensemble, und nicht,wie Herr Müller, annimmt v. E. Jelinek, Anmerkung Presse/TiB)